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Startseite > Rezensionen > Filmrezensionen > Black Lions – Roman Wolves – von Haile Gerima
Geschrieben von: Redaktion Zukunft braucht Erinnerung | Erstellt: 20. Februar 2026

Black Lions – Roman Wolves – von Haile Gerima

Black Lions – Roman Wolves | Black Lions – Roman Wolves / Land: ETH, USA / Jahr: 2026 / Regie: Haile Gerima / Bildbeschreibung: / Sektion: Forum 2026 / Datei: 202616228_1 / © Negod Gwad Productions

Black Lions – Roman Wolves | Black Lions – Roman Wolves / Land: ETH, USA / Jahr: 2026 / Regie: Haile Gerima / Bildbeschreibung: / Sektion: Forum 2026 / Datei: 202616228_1 / © Negod Gwad Productions

 

Es gibt Momente in der Geschichte des Kinos, in denen ein Film die Grenzen des Mediums nicht nur dehnt, sondern sie förmlich sprengt. Auf der diesjährigen Berlinale ist dieser Moment untrennbar mit dem Namen Haile Gerima verbunden. Mit seinem Monumentalwerk „Black Lions – Roman Wolves“ hat der äthiopische Altmeister, ein Veteran der L.A. Rebellion, ein Epos vorgelegt, das mit einer Laufzeit von fast neun Stunden (531 Minuten) weit mehr ist als eine historische Dokumentation. Es ist ein Akt der filmischen Rückeroberung, ein gewaltiges Panorama des Widerstands und eine radikale Absage an die europäische Deutungshoheit über die Geschichte Afrikas.

Der Film führt uns zurück in das Jahr 1935, als das faschistische Italien unter Mussolini zum zweiten Mal versuchte, Äthiopien zu unterwerfen. Nachdem die Italiener 1896 in der Schlacht von Adwa eine historische Niederlage erlitten hatten – ein Trauma für das europäische Überlegenheitsgefühl –, kehrten sie vier Jahrzehnte später mit der vollen Brutalität einer hochindustrialisierten Kriegsmaschinerie zurück. Gerima widmet sich diesem fünfjährigen Kampf gegen die Okkupation, doch er tut dies nicht aus der distanzierten Sicht eines Historikers. Sein Ansatz ist zutiefst persönlich und tief in der mündlichen Überlieferung seines Heimatlandes verwurzelt.

Im Zentrum der Erzählung stehen die „Black Lions“ – jene Gruppe von Intellektuellen und Offizieren, die sich weigerten, vor der technischen Überlegenheit der Invasoren zu kapitulieren. Gerima webt aus Archivmaterial, Zeitzeugengesprächen und den literarischen Hinterlassenschaften seines eigenen Vaters ein dichtes Netz aus Erinnerungen. Sein Vater, selbst ein Dramatiker und Guerillakämpfer, entkam nur knapp der Hinrichtung durch die Faschisten. Diese persönliche Verbindung spürt man in jeder Minute des Films: Es ist die Geschichte derer, die barfuß gegen Panzer kämpften, und deren Kultur und Traditionen – von den Kriegsgesängen bis zur religiösen Poesie – ebenso Teil ihrer Verteidigungsstrategie waren wie ihre Waffen.

Die politische Dimension von „Black Lions – Roman Wolves“ reicht jedoch weit über die bloße Nacherzählung militärischer Ereignisse hinaus. Gerima nutzt die immense Zeitspanne seines Films, um die Mittäterschaft der damaligen Weltmächte und das Versagen des Völkerbundes schonungslos offenzulegen. Während Italien Giftgas gegen die äthiopische Zivilbevölkerung einsetzte – ein Kriegsverbrechen, das in der europäischen Geschichtsschreibung oft an den Rand gedrängt wird –, schauten die USA, England und Frankreich weg. Der Film macht deutlich, dass die Kolonialisierung nicht nur auf dem Schlachtfeld stattfand, sondern auch in den Köpfen. Er thematisiert die psychologische Besatzung, die versuchte, das Denken in den heimischen Sprachen durch eine koloniale Logik zu ersetzen.

Dabei wählt Gerima eine Form, die er selbst als „Widerstand gegen die Reproduktion kolonialer Bilder“ beschreibt. Er verweigert sich dem glatten, autoritären Stil klassischer Geschichtsdokumentationen. Stattdessen setzt er auf eine polyphone Erzählweise. Die Stimmen der äthiopischen Widerstandskämpferinnen und -kämpfer erhalten den Raum, den ihnen die offiziellen Archive oft verwehren. Es ist ein Film, der das Schweigen bricht, das über den Gräueltaten des italienischen Kolonialismus liegt – Gräueltaten, die paradoxerweise in Italien heute oft vergessen sind, während sie in Äthiopien als offene Wunde fortbestehen.

Trotz der thematischen Schwere und der immensen Länge bewahrt sich der Film eine bemerkenswerte ästhetische Kraft. Die Montage, für die Gerima ebenfalls selbst verantwortlich zeichnet, verbindet die historischen Fragmente mit fast lyrischen Passagen. Die Musik von Aschalew Fetene und das Sounddesign von Merawi Gerima schaffen eine Klangwelt, die die emotionale Wucht der Bilder unterstreicht, ohne sie zu überlagern. Es kommen auch Animationen zum Einsatz, die dort einspringen, wo das Bildmaterial fehlt oder die koloniale Kamera versagt hat. Diese stilistischen Mittel dienen einem klaren Ziel: der Schaffung einer eigenen, unabhängigen Bildsprache, die nicht länger auf die Erlaubnis oder Validierung durch den Westen angewiesen ist.

Es ist bezeichnend, dass die Berlinale Haile Gerima in diesem Jahr mit der Berlinale Kamera für sein Lebenswerk ehrt. Sein Beitrag zum „New Black Cinema“ und seine unermüdliche Arbeit an diesem Projekt, an dem er über drei Jahrzehnte lang feilte, haben das Verständnis für die Möglichkeiten des politischen Kinos nachhaltig verändert. „Black Lions – Roman Wolves“ ist kein Film, den man einfach konsumiert. Es ist eine Erfahrung, die Geduld und Hingabe erfordert, die den Zuschauer aber mit einer tiefen Erkenntnis über die Unbeugsamkeit des menschlichen Geistes belohnt.

Am Ende bleibt der Eindruck eines Werkes, das für die Ewigkeit geschaffen wurde. Gerima hat den namenlosen Helden des äthiopischen Widerstands ein Denkmal gesetzt, das weit über die Leinwand hinausreicht. Er fordert sein Recht auf die eigene Geschichte zurück und erinnert uns daran, dass wahre Dekolonisierung damit beginnt, die Kontrolle über die eigenen Erzählungen zu übernehmen. In einer Welt, die oft nach schnellen Antworten sucht, erinnert uns dieses Epos daran, dass manche Geschichten Zeit brauchen, um in ihrer ganzen Komplexität verstanden zu werden. „Black Lions – Roman Wolves“ ist ein Vermächtnis, das die historische Bildhoheit der Unterdrücker bricht und den Weg für eine neue, wahrhaftigere Geschichtsschreibung ebnet.

 

Black Lions – Roman Wolves / Haile Gerima (Regie, Buch) / 531′ / Äthiopien, USA / 2026 / Farbe & Schwarz-Weiß / Amharisch, Englisch, Italienisch / Untertitel: Englisch / Weltpremiere / Dokumentarische Form / Berlinale 2026, Sektion Forum

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