Jens Meurers Dokumentarfilm zeigt Wolf Biermann als Musiker, Zeitzeugen und einen Menschen von ungebrochener Neugier. Ein lebendiges Porträt zum 90. Geburtstag, das ein Stück deutscher Geschichte erschließt.
Wolf Biermann kriecht in das Klavier seines musikalischen Weggefährten Ulrich Gumpert. Gleich zu Beginn von Jens Meurers Dokumentarfilm „BIERMANN“ steckt in dieser kleinen Aktion viel von dem Mann, um den es hier geht. Die Lust am Ausprobieren ist noch da, der Spieltrieb auch. Wer auf ein Leben wie seines zurückblicken kann, darf sich einiges herausnehmen. Biermann nimmt sich die Freiheit, neugierig zu bleiben.
Meurer findet über die Musik einen klugen Zugang zu seinem Protagonisten. Er verbindet neue Konzertaufnahmen und private Begegnungen mit historischem Material, das den jungen Biermann in die Gegenwart zurückholt. Zwischen den Aufnahmen liegen Jahrzehnte deutscher Geschichte. Zusammen erzählen sie von einem Künstler, der politische Erfahrung in Lieder verwandelt und damit anderen Menschen Mut gemacht hat. Wie eng bei ihm Dichtung und gelebtes Leben zusammengehören, gibt diesem Porträt seine besondere Spannung.
Die Geschichte beginnt in Hamburg. Dort wird Biermann 1936 in eine kommunistische Arbeiterfamilie geboren. Sein Vater Dagobert, Jude und Widerstandskämpfer, wird 1943 in Auschwitz ermordet. Wolf überlebt mit seiner Mutter die Bombardierung der Stadt. Als er 1953 mit sechzehn Jahren in die DDR übersiedelt, hofft er auf ein antifaschistisches, gerechteres Deutschland. Wer seine spätere Auseinandersetzung mit der SED verstehen will, muss diese frühe Bindung kennen. Seine Kritik wächst aus einer Überzeugung, die tief in der eigenen Familiengeschichte verwurzelt ist.
Am Berliner Ensemble und durch seinen Mentor Hanns Eisler erhält Biermann entscheidende künstlerische Anregungen. Er entwickelt eine Sprache, die politische Verhältnisse mit Witz und poetischer Genauigkeit erfasst. Die Versprechen des Sozialismus nimmt er ernst genug, um ihre Einlösung zu verlangen. Für die SED wird gerade das zum Problem. Hier widerspricht jemand aus den eigenen Reihen, der sich das Denken nicht abnehmen lässt und die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit beim Namen nennt.
1965 erhält Biermann ein umfassendes Auftritts- und Publikationsverbot. Seine Wohnung in der Chausseestraße 131 in Ostberlin wird zum Ort einer Kunst, die sich weiter Gehör verschafft. Lieder verbreiten sich auf Tonbändern und in Abschriften, Bücher und Schallplatten erscheinen im Westen. Meurer führt heimliche Aufnahmen des Westfernsehens mit Material der Staatssicherheit zusammen. Das ist historisch besonders aufschlussreich. Die Überwachung dokumentiert den Aufwand, mit dem ein Staat gegen einen Dichter vorgeht. Dass dessen Lieder trotzdem ihren Weg zu den Menschen finden, erzählt viel über ihre Kraft.
Die Aufnahmen des Kölner Konzerts vom 13. November 1976 geben dieser Geschichte ihren dramatischen Mittelpunkt. Auf Einladung der IG Metall darf Biermann in die Bundesrepublik reisen. Drei Tage nach dem Auftritt entzieht ihm die DDR die Staatsbürgerschaft. Das Konzert dient als Vorwand für eine längst vorbereitete Ausbürgerung. Biermann, der die DDR verändern wollte, darf nicht mehr nach Hause. Die Filmaufnahmen bewahren den Sänger in jenem Augenblick, bevor sein Leben eine Richtung nimmt, die er selbst nicht gewählt hat.
Wie weit dieser Eingriff reicht, zeigt die Geschichte der Proteste. Christa Wolf, Stefan Heym, Jurek Becker und andere Schriftsteller wenden sich öffentlich gegen die Entscheidung. Viele weitere Menschen schließen sich an und nehmen Repressalien in Kauf. Künstler wie Manfred Krug und Armin Mueller-Stahl verlassen in den folgenden Jahren das Land. Die Ausbürgerung beschädigt das Vertrauen in die Reformfähigkeit der DDR nachhaltig. In Biermanns Biografie wird damit auch die Geschichte einer Generation sichtbar, die an einen besseren Sozialismus geglaubt hatte.
Dass Meurer immer wieder zu den Liedern zurückkehrt, ist eine Stärke des Films. In ihnen werden die politischen Konflikte als persönliche Erfahrungen hörbar. Die „Stasi-Ballade“ begegnet der Überwachung mit Spott, die „Ballade vom preußischen Ikarus“ fasst den Freiheitsdrang in ein poetisches Bild. „Ermutigung“ erzählt vom Widerstehen, ohne dabei die eigene Empfindsamkeit aufzugeben. Solche Lieder erschließen sich auch Menschen, die die DDR nur aus Geschichtsbüchern kennen. Ihr Gegenstand ist die Freiheit des Einzelnen, ihre Sprache bleibt verständlich.
Auch die Mitwirkenden öffnen das Porträt für unterschiedliche Erfahrungen und Generationen. Der Jazzpianist Ulrich Gumpert und der Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer gehören zu Biermanns langjährigen musikalischen Partnern. Campino und die Toten Hosen, Wolfgang Niedecken, Lina Maly und Van Holzen führen seine Lieder in andere musikalische Zusammenhänge. Barbara Honigmann, Armin Mueller-Stahl und Joachim Gauck bringen ihre jeweils eigene Verbindung zur deutschen Nachkriegsgeschichte mit. Besonders schön ist, dass der Film den Austausch zwischen Musikern aufnimmt. So bleibt Biermanns Werk in Bewegung.
Biermann selbst besitzt dafür reichlich Bühnenpräsenz. Der Wechsel zwischen Sprechen und Singen gehört ebenso zu seiner Kunst wie das Vergnügen an einer zugespitzten Formulierung. Mit Pamela Biermann, seiner Frau und musikalischen Partnerin, kommt eine vertraute, persönliche Perspektive hinzu. Sie hat gemeinsam mit Meurer und Dirk Kämper auch am Drehbuch gearbeitet. Im Garten an der Ostsee schneidet sie ihrem Mann die Haare, während beide über die Schwierigkeiten der Idylle sprechen. Das ist eine liebevolle Alltagsszene, in der auch der gedankliche Austausch des Paares seinen Platz hat.
Meurers Entscheidung, die neuen Aufnahmen auf analogem 16-Millimeter-Film zu drehen, passt zu dieser aufmerksamen Annäherung. Er sucht Situationen, in denen sich neben der historischen Bedeutung auch Biermanns Humor zeigt. Im Deutschen Historischen Museum steht der Sänger vor dem übergroßen Cover seiner Platte „Warte nicht auf beßre Zeiten“ und hält später in der Ausstellung ein Mittagsschläfchen. Der eigene Platz in der Geschichte lässt sich offenbar am besten mit einer gewissen Gelassenheit betrachten.
Am 15. November 2026 wird Biermann neunzig. Einen Tag später liegt seine Ausbürgerung genau fünfzig Jahre zurück. Meurer würdigt dieses Leben mit einem Film, der politische Geschichte aus der Nähe eines Menschen erzählt. Die Lieder halten zusammen, was Jahreszahlen allein kaum vermitteln können: die Hoffnung auf Veränderung und den Mut, dafür die eigene Stimme zu erheben. Biermann hat beides über Jahrzehnte bewahrt. Es lohnt sich, ihm zuzuhören.
Biermann
Dokumentarfilm von Jens Meurer. Deutschland 2026, 120 Minuten.
Kinostart: 29. Oktober 2026.
Offizieller Trailer bei YouTube
