Es gibt historische Themen, bei denen man schnell in eine vertraute Haltung gerät: Man liest, schaut, hört zu und weiß doch schon, wie die Geschichte ausgegangen ist. „Tribunal 45 – Working on Justice“ macht etwas anderes. Das Serious Game des Memoriums Nürnberger Prozesse und des Berliner Studios Playing History versetzt einen mitten hinein in einen Moment, in dem noch längst nicht alles geklärt war.
Man übernimmt die Rolle der französischen Juristin Aline Chalufour, die 1945 zum Anklageteam des Internationalen Militärtribunals gehörte. Von dort aus arbeitet man sich durch Akten, Beweise und Gespräche, begegnet historischen Figuren und muss immer wieder selbst abwägen. Welche Beweise tragen? Welche Rechte müssen auch Angeklagte haben, denen schwerste Verbrechen vorgeworfen werden? Wie lässt sich Verantwortung einzelnen Personen zurechnen?
Genau darin liegt für mich die Stärke des Spiels. Es erklärt nicht einfach die Nürnberger Prozesse. Es vermittelt ein Gefühl dafür, was für eine gewaltige Aufgabe damals vor den Beteiligten lag. Nach Krieg, millionenfachem Mord und staatlich organisiertem Verbrechen mussten Beweise gesichert, Verantwortlichkeiten geklärt und zugleich rechtsstaatliche Verfahren geschaffen werden. Vieles, was uns heute beim Völkerstrafrecht selbstverständlich erscheint, musste damals erst formuliert, begründet und praktisch erprobt werden.
„Tribunal 45“ macht diese historische Situation erstaunlich anschaulich. Man bewegt sich durch das Justizgebäude, ordnet Dokumente, sammelt Argumente und führt Gespräche. Spielerische Elemente, darunter Legespiele nach dem Prinzip von Mahjong und Domino, lockern den Ablauf auf, ohne das Thema zu banalisieren. Die Handlung ist erzählerisch verdichtet, beruht aber auf historischen Quellen und Forschung. Auch die Gestaltung trägt viel zur Wirkung bei: Die Bilder erinnern an Gerichtszeichnungen, dazu kommen Schreibmaschinen, Schritte, Papierrascheln und Originalgeräusche aus Saal 600.
Das Entscheidende ist der Perspektivwechsel. Geschichte erscheint hier nicht als abgeschlossene Abfolge von Daten und Urteilen, sondern als offener Prozess. Man bekommt eine Ahnung davon, wie schwierig es war, nach 1945 überhaupt eine juristische Sprache für das Geschehene zu finden und internationale Regeln zu entwickeln, die über Nürnberg hinaus Bestand haben konnten.
Gerade deshalb ist „Tribunal 45“ mehr als ein gelungenes Lernspiel. Es zeigt, wie digitale Formate historische Bildung verändern können: nicht indem sie Inhalte vereinfachen, sondern indem sie uns stärker hineinziehen. Das Spiel ist kostenlos, auf Deutsch und Englisch verfügbar und richtet sich an Spielerinnen und Spieler ab 16 Jahren. Je nach Spielweise dauert es etwa 30 bis 90 Minuten.
Wer sich für die Nürnberger Prozesse, Erinnerungskultur oder die Entstehung des modernen Völkerstrafrechts interessiert, sollte es ausprobieren.
