Ein Klavier, eine ruhige Stimme und Sätze, die mit ihrer eigenen Zulässigkeit spielen: Danger Dan macht in „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ die Form zum politischen Argument. Der im März 2021 veröffentlichte Song stellt sich gegen Rechtsextremismus und fragt zugleich, was eine künstlerische Äußerung von einer unmittelbaren Behauptung unterscheidet. Seine Spannung entsteht aus einem Widerspruch: Der Sänger erklärt zunächst, er würde etwas nur möglicherweise sagen. Damit hat er es längst ausgesprochen.
Inhalt und Aufbau
Die Klavierbegleitung lässt dem Text viel Raum. Der Vortrag wirkt zunächst beinahe beiläufig; umso schärfer treten die Namen und Gewaltbilder hervor. Der Song eröffnet ein hypothetisches Szenario des Liederschreibens. Dieser Rahmen bleibt für die ersten Strophen bestimmend. Danger Dan beschreibt einen denkbaren Text und führt ihn gleichzeitig auf. Der Refrain verwandelt die Berufung auf die Kunstfreiheit in eine wiederkehrende Pointe.
Die Gliederung ist nicht bloß eine Folge politischer Stellungnahmen. Zunächst baut der Sänger Distanz zu seinen Aussagen auf, dann spielt er einen Rechtsstreit durch und schließlich gibt er den hypothetischen Ton weitgehend auf. Wer nur einzelne Zeilen herauslöst, übersieht diese Bewegung. Gerade der Wechsel zwischen gedanklichem Versuch und offenem Bekenntnis trägt die Dramaturgie.
Erste Strophe
Der erste Teil nennt Jürgen Elsässer und Götz Kubitschek. Bei Elsässer steht der Antisemitismusvorwurf im Zentrum, bei Kubitschek arbeitet der Text mit der doppelten Bedeutung des Bogens: als sprachlicher Verbindung und als Waffe. Die zunächst behauptete Distanz ist damit bereits brüchig. Der Sänger kündigt ein mögliches Lied an, das für die Hörenden längst Wirklichkeit geworden ist.
Refrain
Die Berufung auf die Kunstfreiheit klingt wie eine vorbeugende Verteidigung. In Verbindung mit der gelassenen Begleitung erhält sie etwas herausfordernd Selbstgewisses. Doch sie ist Teil des Kunstwerks, kein Rechtsgutachten über dessen einzelne Aussagen. Die Wirkung liegt gerade darin, dass das Lied mit der Aussicht auf Anzeige und Prozess spielt. Der Refrain macht den möglichen Konflikt zur Bühne, auf der sich der Sänger demonstrativ unbeeindruckt zeigt.
Zweite Strophe
Nun wird der Konjunktiv ausdrücklich zum Verfahren. Alexander Gauland erscheint in einem absurden Bild aus der Welt der Reptilienmenschen; daran schließt eine aggressive antifaschistische Handlungsfantasie an. Die Strophe verschränkt somit Spott über Verschwörungsdenken mit einer Provokation, die selbst nach ihren Grenzen fragt. Sie ist keine sachliche Aufzählung von Parteien und Medien. Der Name der AfD fällt im Lied nicht; über Gauland besteht jedoch ein konkreter Bezug zu ihrem politischen Umfeld.
Dritte Strophe
Mit Ken Jebsen verlagert sich der Schwerpunkt auf einen vom Sänger geschilderten Rechtsstreit um ein früheres Bandstück. Die Strophe präsentiert diese Episode als Ermutigung zur erneuten Konfrontation. Das Geschehen wird aus der Perspektive des auftretenden Sängers erzählt. Für die Textanalyse ist entscheidend, wie daraus eine Geschichte des erfolgreichen Widerspruchs wird. Die im Song erwähnte Auseinandersetzung ersetzt dabei keine eigenständige Darstellung der Prozessakten.
Erwähnte Personen und Begebenheiten
Die ausdrücklich genannten Personen sind Elsässer, Kubitschek, Gauland und Jebsen. Ihre Nennung bindet das Lied an konkrete politische und mediale Konflikte. Die Bezeichnungen und Vorwürfe sind dabei zunächst Äußerungen des Sängers innerhalb des Werks. Eine Analyse muss erkennen lassen, wo sie diese wiedergibt und wo sie selbst historische oder politische Tatsachen behauptet.
Im späteren Teil kommen der NSU, der Verfassungsschutz, die Polizei und Oury Jalloh hinzu. Danger Dan formuliert hier eine scharfe Anklage gegen staatliche Institutionen und begründet damit sein Misstrauen gegenüber staatlichem Schutz. Diese Passage verschiebt das Lied vom Spott über einzelne Akteure zur Frage, ob Gewalt allein mit den Mitteln des Staates bekämpft werden könne. Ihre Zuspitzungen sind als politische Position des Songs zu untersuchen; die Geschichte der einzelnen Fälle erschließt sich nicht aus dem Lied allein.
Walter Lübcke, Hanau und eine sogenannte Querfront werden hingegen nicht ausdrücklich genannt. Solche Ereignisse und Debatten können zum zeitgeschichtlichen Umfeld einer Interpretation gehören. Sie dürfen aber nicht ohne weitere Begründung als versteckte, eindeutig beabsichtigte Verweise ausgegeben werden. Der Unterschied zwischen dem Wortlaut eines Werks und dem Wissen, das die Hörenden mitbringen, bleibt wesentlich.
Stellungnahme und Interpretation
Der entscheidende Bruch liegt im letzten längeren Abschnitt. Danger Dan gibt die vorherige Absicherung durch hypothetische Formen zunehmend auf. Aus dem Spiel mit einer möglichen Aussage wird ein persönliches Bekenntnis. Damit erweist sich der Konjunktiv rückblickend als Teil einer Inszenierung: Er hat die Konfrontation vorbereitet, ohne sie aufzuheben. Die scheinbar harmlose Darbietungsform verstärkt den Gegensatz zum Inhalt.
Besonders umstritten ist der Übergang zur Militanz. Man kann darin eine Zuspitzung politischer Ohnmacht erkennen und zugleich nach den Folgen einer solchen Handlungsrhetorik fragen. Beides gehört zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Lied. Weder muss Zustimmung zu seiner antifaschistischen Haltung jede Formulierung rechtfertigen, noch erschöpft sich seine Wirkung in einer isolierten Gewaltzeile. Die Dramaturgie verlangt, auch die Begründung zu betrachten, mit der der Sänger seinen Schluss vorbereitet.
Kritik, von der Kunstfreiheit gedeckt
Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes schützt die Kunstfreiheit. Dieser Schutz erfasst auch provozierende, satirische und politisch unbequeme Werke. Das Bundesverfassungsgericht hat etwa beim „Anachronistischen Zug“ betont, dass die künstlerische Gestaltung und ihr Gesamtzusammenhang berücksichtigt werden müssen. Einzelne Elemente dürfen nicht ohne Rücksicht auf das Werk beurteilt werden.
Die Kunstfreiheit ist jedoch kein pauschaler Ausschluss rechtlicher Verantwortung. Andere Verfassungsgüter, insbesondere Persönlichkeitsrechte, können Grenzen setzen. Die Entscheidung zum Roman „Esra“ zeigt, wie stark es auf die konkrete Gestaltung und den Bezug zu erkennbaren Personen ankommt. Weder die Bezeichnung als Kunst noch ein Konjunktiv entscheidet deshalb für sich allein über die Zulässigkeit einer Äußerung. Aus der Titelzeile lässt sich folglich keine allgemeine Garantie ableiten, sämtliche Aussagen des Liedes oder vergleichbare Formulierungen blieben ohne Konsequenzen.
Fazit
Danger Dans Lied über die Kunstfreiheit ist dort am stärksten, wo Form und Haltung untrennbar werden. Die ruhige Klavierballade schafft Raum für scharfe Angriffe; das Spiel mit der Distanz führt zum offenen Bekenntnis. Gerade deshalb lohnt eine genaue Lektüre. Sie macht den Song weder zum juristischen Freibrief noch zu einer Sammlung austauschbarer Parolen. Sichtbar wird vielmehr ein kalkuliertes Verfahren politischer Kunst, das seine Hörenden in einen Streit hineinzieht, dessen Grenzen es selbst zum Thema macht.
Und hier der komplette Text
Angenommen, ich schriebe mal ein Lied
In dessen Inhalt ich besänge, dass ich höchstpersönlich fände
Jürgen Elsässer sei Antisemit
Und im zweiten Teil der ersten Strophe dann
Würde ich zu Kubitschek den Bogen spannen
Und damit meinte ich nicht nur die rhetorische Figur
Sondern das Sportgerät, das Pfeile schießen kann
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt
Ich nutze ganz bewusst lieber den Konjunktiv
Ich schriebe einen Text, der im Konflikt mit dem Gesetz
Behauptet, Gauland sei ein Reptiloid
Und angenommen, der Text gipfelte in ei’m
Aufruf, die Welt von den Faschisten zu befreien
Und sie zurück in ihre Löcher reinzuprügeln noch und nöcher
Anstatt ihnen Rosen auf den Weg zu streuen
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt
Der sich über Zensur immer sehr laut beschwert
In einem Text von meiner Band dachte er, er wird erwähnt
Und beschimpft und hat uns vor Gericht gezerrt
Er war natürlich nicht im Recht und musste dann
Die Gerichtskosten und Anwältin bezahlen
So ein lächerlicher Mann, hoffentlich zeigt er mich an
Was dann passieren würde? Ich kann es euch sagen
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt
Wenn ich nicht Lust hätte auf ein Experiment
Mal die Grenzen auszuloten, was erlaubt und was verboten ist
Und will euch meine Meinung hier erzählen
Jürgen Elsässer ist Antisemit
Kubitschek hat Glück, dass ich nicht Bogen schieß‘
An Reptilienmenschen glaubt nur der, der wahnsinnig ist
Gauland wirkt auch eher wie ein Nationalsozialist
Faschisten hören niemals auf, Faschisten zu sein
Man diskutiert mit ihnen nicht, hat die Geschichte gezeigt
Und man vertraut auch nicht auf Staat und Polizeiapparat
Weil der Verfassungsschutz den NSU mit aufgebaut hat
Weil die Polizei doch selbst immer durchsetzt von Nazis war
Weil sie Oury Jalloh gefesselt und angezündet haben
Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst
Ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz
Doch vor Gericht mach‘ ich es mir dann wieder leicht
Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der, alles von der, alles von der, alles von der
Alles von der Kunstfreiheit gedeckt
