Joseph Süß Oppenheimer vulgo “Jud Süß”

Joseph Süß auf dem Weg zum Galgen. Im Hintergrund hebräische Buchstaben, die das Glaubensbekenntnis bedeuten: schma jisrael. Zeichnung von Jona Mach, Jerusalem. Illustration zu Haasis: Joseph Süß Oppenheimers Rache.Nach jüdischem Brauch hieß der große Finanzmann Württembergs Joseph ben Issachar Süßkind Oppenheim. Er kam im Februar oder März 1698 in Heidelberg auf die Welt. Der Vater, ein Händler, stand in der Hierarchie der Gemeinde weit oben, die Mutter war die Tochter des Vorsängers in der Frankfurter Synagoge. Süß wuchs in der Tradition der Orthodoxie auf.

Beim Tod des Vaters war er erst neun Jahre alt. Er bewies Energie: Mit 16 Jahren ließ er sich für mündig erklären und begann mit dem Geldverleih, ohne Kapital. Schon jung brachte er es zum Pächter des kurpfälzischen Stempelpapiers (Mannheim) und siedelte später nach Frankfurt/Main über.

Seine große Leistung im Kampf um die Gleichberechtigung der Juden: Er ließ sich nicht zur Niederlassung ins Getto zwingen, wie es üblich und der Reichsstadt vom Kaiser verbrieft war. Süß war seiner Zeit weit voraus.

In Frankfurt gehörte er freilich zu den kleineren Geschäftsleuten. Der geballte Hass der christlichen Umwelt traf ihn erst, als er vom neuen württembergischen Herzog Carl Alexander 1733 als Berater und Finanzmann nach Stuttgart geholt wurde. Ab jetzt betrieben der württembergische Regierungsapparat, der Hof und die patrizistischen Landstände die Verschleppung, dann den Boykott aller finanzpolitischen Maßnahmen des Herzogs (Haasis, 2001, S. 284ff).

Süß war Abneigung, Feindschaft, ja Gehässigkeiten gewohnt. Schon in Heidelberg tobten die christlichen Kaufleute rechtswidrig gegen die jüdische Konkurrenz, in Mannheim prellten ihn gegen die Erlasse des Kurfürsten alle staatlichen Institutionen um das Stempelgeld auf Urkunden. Nur in Frankfurt war das Klima unter den Geschäftsleuten fairer.

Bis heute gilt Joseph Süß als der Ausbund des bösen Juden: des Geldschneiders, Diebs, Betrügers und Gewaltmenschen. Die Weichen dafür stellte, ohne viel nachzudenken, Lion Feuchtwanger, der in seinem famosen Roman (angeblich 3 Millionen Auflage) rüde gegen die historischen Tatsachen ein abträgliches Bild von Süß zeichnete (Kritik bei Haasis, 2001, S. 181f). Versatzstücke beerbte Veit Harlan in seinem berüchtigten NS-Hetzfilm „Jud Süß“ (1940, Schirmherr: Goebbels). Der neueste Ausrutscher in dieser Tradition: das Theaterstück von Klaus Pohl „Jud Süß“ (Uraufführung in Stuttgart, unter Friedel Schirmer) (vgl. Haasis, 2003, S. 179f).

Wie kam es zum Debakel um diesen großen Finanzpolitiker? Sofort nach dem Tod seines Schutzherrn, des Herzogs, im Jahr 1737 wurde Süß in Haft genommen. Nach acht Tagen Hausarrest schleppte man ihn auf die Festung Hohenneuffen (bei Nürtingen), später auf den Hohenasperg (bei Ludwigsburg). Bereits bevor die Richter erstmals tagten, verzeichnet ein Protokoll die feste Absicht, Süß zu exekutieren. In dem kriminellen Verfahren suchte die Stuttgarter Justiz elf Monate lang Beweise für Süß‘ Verbrechen, Hochverrat und Majestätsbeleidigung (die Vorwürfe und Süß‘ Verteidigung bei Haasis, 2001, S. 320ff). Bei der letzten Sitzung brach das Richterkollegium auseinander: Jeder klammerte sich zur Rechtfertigung des Todesurteils an einen andern Vorwurf, selbst an die Onanie. Die noch heute bei Rassisten populäre Beschuldigung, Süß habe durch Sex mit Christinnen den Tod verdient, ließen selbst die Richter fallen (zu den Rechtsbeugungen gegen den Beschuldigten siehe Haasis, 2001, S. 373ff).

Süß Oppenheimer war eine moderne, für das zurückgebliebene Württemberg zu moderne Persönlichkeit des Wirtschaftslebens. Er ließ in einem unvorstellbaren Kraftakt innerhalb von zwei Jahren elf Millionen Gulden ausprägen, mit einem lächerlichen Gewinn für ihn von 0,7 %. Bis heute plappert jedoch die Numismatik das Landesmärchen daher, Süß sei Münzfälscher gewesen.

Links oben Süß und seine Freundin Luciana Fischer. Darunter die Festung Hohenasperg, der Haftort. Unten der in der Todeszelle auf den Abtransport wartende Süß, der die letzte Nacht in asketischer Absicht auf dem nackten Boden. (der Bilderbogen folgt der Erzählung: Haasis: Joseph Süß Oppenheimers Rache.

Noch zu Lebzeiten des Herzogs wurde zweimal von einer Kommission (besetzt mit Süß-Gegnern) der Fall untersucht: jedesmal erhielt Süß Entlastung. Dasselbe Spielchen im Prozess: wieder kein Ergebnis (Haasis, 2001, S. 126ff). In Stuttgart sterben alte Bosheiten offenbar besonders ungern.

Süß bewährte sich auch als Armeelieferant, ein Knochenjob, den meckernde christliche Geschäftsleute nicht übernehmen wollten. Die Kriegskasse legte es darauf an, Süß durch Zahlungsverweigerung in den Bankrott zu treiben, was sie beinahe geschafft hätte. Der Herzog war mit seinem Finanzberater zufrieden. Doch auch er vermochte die Obstruktionspolitik der bürgerlich-patrizischen Führungskaste des Landes nicht zu brechen.

Eine bis heute beeindruckende Größe erreichte Joseph Süß in der furchtbaren Haft. Da er sich den Richtern nicht unterwarf, wurde er monatelang unter einer folterartigen Fesselung gehalten. Er antwortete mit einem schleichenden Hungerstreik, an dessen Ende ihm selbst die engsten Fesseln abfielen. Zur Hinrichtungsstätte führten dann Tausende von Soldaten ein Gerippe hinaus. Über 12.000 Voyeure freuten sich an der Hinrichtung (4. 2. 1738).

Im Kampf auf Leben und Tod waren Süß die fortschrittlichsten Rechtsideen gekommen: Man solle den Prozess dem Kaiser in Wien vorlegen, dem Schutzherrn aller Juden; man möge den Reichsmünzdirektor die Münzvorwürfe prüfen lassen; man solle das Gericht mit unvoreingenommenen Richtern besetzen, mit Reichsstädtern, nicht mit Württembergern; man möge ihm endlich einen Anwalt seines Vertrauens geben, keinen Pflichtanwalt, der nichts für ihn tue. Süß verlangte eine öffentliche Konfrontation mit allen Belastungszeugen; er insistierte überhaupt auf der Öffentlichkeit des Verfahrens; vor dem Tod wollte er sich öffentlich verteidigen.

Der Todgeweihte lief zu einer Form auf, die ihn in Frankreich berühmt gemacht hätte als Vorkämpfer einer rechtsstaatlichen Justizreform. In Württemberg versank seine Gestalt nach dem Tod dagegen in einer Flut Hass erfüllter Flugschriften, die bis in die Gegenwart nachwirken.

Der Jerusalemer Zeichner Jona Mach brach mit dieser Tradition und illustrierte als erster Jude Süß‘ Schicksal. Die Berlinerin Angela Laich folgte mit einem großen Radier-Triptychon, das den Bogen schlägt vom einflussreichen Herrn am Hof bis zur Bombardierung Stuttgarts genau 200 Jahre nach der Verscharrung des Gehenkten.

Das einzige positive Zeugnis des Judentums ging verloren und wurde erst vor kurzem im Ausland gefunden: die hebräische Gedenkschrift des Stuttgarter Schächters Salomon.

Autor: Hellmut G. Haasis

 

Literatur

Gerber, Barbara: Jud Süß. 1990.

Haasis, Hellmut G.: Joseph Süß Oppenheimer genannt Jud Süß. Finanzier, Freidenker, Justizopfer. Rowohlt Taschenbuch 3. Aufl. 2001.

Ders.: Joseph Süß Oppenheimers Rache (Illustrationen: Jona Mach). 1994.

Ders.: „Jud Süß“ – Joseph Süß Oppenheimer. Rezeption und Verdrängung eines Justizmordes. In: Tribüne, 42. Jg., 2003, S. 178-184.

Schächter, Salomon: Relation von dem Tod des Joseph Süss, seel. Gedächtnus. (Fürth/Stuttgart 1738). Neu hg. von Hellmut G. Haasis. Paris-Reutlingen usw., Freiheitsbaum, 1994 (Kunstmappe zu beziehen bei Haasis, Tannenstr. 17, Reutlingen).

Stern, Selma: Jud Süß. 1929 (zu den Grenzen dieser nur wirtschaftshistorischen Arbeit siehe Haasis, 2003, S. 182; Haasis, 1994, S. 256).

Feuchtwanger, Lion: Jud Süß. Roman. 1925.

Laich, Angela: Triptychon. 3 großformatige Radierungen zu Süß‘ Leben (Abzüge der kleinen Auflage bei Laich, Obentrautstr. 23, Berlin).