Was lässt sich aus einem Vergleich kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt lernen – und wo führt er in die Irre? Die Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin verfolgt die Geschichte dieser Frage. Bis zum 11. April 2027 zeigt sie, wie um Ähnlichkeiten, Unterschiede und historische Verantwortung gerungen wurde.

Blick in die Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“. © Deutsches Historisches Museum, Foto: David von Becker. Pressebild des DHM.
Ein Grabstein aus Rhodos, datiert auf das Jahr 1668, erinnert an eine jüdische Gemeinschaft, deren Geschichte weit vor der deutschen Besetzung der Insel begann. Ein Foto von 1938 zeigt Mitglieder des dortigen Maccabi-Sportvereins. Alle sieben abgebildeten Männer wurden später in Auschwitz ermordet. Solche Zeugnisse führen zu den Menschen zurück, deren Leben in den großen Begriffen der Gewaltgeschichte leicht verschwindet. Sie gehören zu den rund 580 Objekten, anhand derer das Deutsche Historische Museum nach dem Verhältnis kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt fragt.
Die von Stephan Malinowski kuratierte Schau „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“ ist seit dem 16. Oktober 2026 im Pei-Bau zu sehen. Ihr zeitlicher Schwerpunkt liegt zwischen 1900 und 1960. Sie fragt nach kolonialen Bezugspunkten nationalsozialistischer Herrschaft und nach den Grenzen solcher Beziehungen. Zugleich untersucht sie, wer diese Vergleiche anstellte, unter welchen politischen Bedingungen sie entstanden und welchen Zwecken sie dienten. Die Debatte selbst wird damit zum historischen Gegenstand.
Umstrittene Verwandtschaft: Eine Debatte mit langer Geschichte
Der Blick zurück führt zunächst in die 1930er-Jahre. Als das faschistische Italien im Oktober 1935 Abessinien, das heutige Äthiopien, überfiel, löste der koloniale Eroberungskrieg internationale Proteste aus. Bereits im August hatte der karibische Schriftsteller und politische Denker C. L. R. James bei einer Kundgebung auf dem Londoner Trafalgar Square vor dem drohenden Angriff gewarnt. Eine Fotografie hält seinen Auftritt fest. Die Ausstellung erinnert damit auch an die Menschen, die Gewalt benannten und bekämpften, während sie vorbereitet wurde.
In den Netzwerken antikolonialer Bewegungen wurden Beziehungen zwischen europäischem Imperialismus, Rassismus und Faschismus früh diskutiert. Für Intellektuelle wie George Padmore und Jawaharlal Nehru waren die Verbrechen in Europa mit Erfahrungen kolonialer Unterdrückung verbunden. Diese Perspektiven entstanden in einem internationalen Austausch, der von Kalkutta und Algier bis nach London, Paris und New York reichte. Die heutige Kontroverse besitzt also eine Vorgeschichte, die über die deutschen erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen hinausführt.
Dass solche Vergleiche selbst unter Gegnern der Gewalt Widerspruch hervorriefen, zeigt die Auseinandersetzung zwischen Mahatma Gandhi und Martin Buber. Gandhi empfahl den deutschen Juden 1938 gewaltlosen Widerstand nach dem Vorbild des Kampfes gegen die britische Kolonialherrschaft. Buber wandte sich 1939 gegen die Übertragbarkeit dieses Ratschlags auf den nationalsozialistischen Terror. An solchen Kontroversen lässt sich verfolgen, welche Erfahrungen miteinander in Beziehung gesetzt wurden – und welche Unterschiede dabei aus dem Blick geraten konnten.
Gewaltgeschichte anhand konkreter Zeugnisse
Auf rund 1.100 Quadratmetern behandelt das DHM in neun Themenräumen sowie einem Prolog und einem Epilog unter anderem Repression, Rassismus und Antisemitismus, Eroberung und Siedlung, Lager, Kollaboration, Widerstand und Zwangsarbeit. Gemälde und Fotografien stehen neben Dokumenten, Büchern und Gegenständen. Film- und Hörstationen ergänzen die Präsentation. Die Auswahl erlaubt es, politische Vorstellungen mit den Praktiken der Herrschaft und den Erfahrungen der Betroffenen zusammenzubringen.
Eine Wasserflasche eines Herero verweist auf den deutschen Vernichtungskrieg im heutigen Namibia: Nach der Schlacht am Waterberg 1904 flohen Herero in die Omaheke. Deutsche Truppen sperrten Rückwege und Wasserstellen; Zehntausende Menschen starben. Tora-Aufsätze mit Brandschäden wiederum stammen aus dem Währinger Tempel in Wien, der am 10. November 1938 in Brand gesetzt wurde. Die Gegenstände sind Zeugnisse unterschiedlicher Verfolgungsgeschichten. Ihre historische Bedeutung erschließt sich erst durch die genaue Kenntnis dieser Zusammenhänge.
Andere Exponate richten den Blick auf Verbindungen zwischen kolonialen Vorstellungen und nationalsozialistischer Expansion. Eine Aufnahme aus den 1930er-Jahren zeigt eine Schießübung an der Kolonialen Frauenschule in Rendsburg. Die 1927 eröffnete Einrichtung bereitete Frauen zunächst auf ein Leben in Afrika, später auch auf die Ansiedlung in den besetzten Gebieten Osteuropas vor. Hier lässt sich eine konkrete institutionelle Verbindung untersuchen. Wie weit daraus eine Erklärung nationalsozialistischer Gewalt gewonnen werden kann, bleibt eine weiterführende historische Frage.
Vergleichen heißt auch, Unterschiede zu erklären
„Umstrittene Verwandtschaft“ belässt es nicht bei der Geschichte fremder Deutungen. Sie bezieht selbst Position. Die systematische Ermordung der europäischen Juden erscheint in ihrem Konzept als Zäsur und als Überschreitung kolonialer Gewalttraditionen. Der achte Raum verzichtet deshalb auf ein koloniales Gegenstück. An den Vernichtungsstätten Bełżec, Sobibor und Treblinka markiert das DHM eine Grenze der von ihm untersuchten Parallelen.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Deportation jüdischer Menschen aus Rhodos im Sommer 1944. Über mehr als 2.000 Kilometer wurden sie auf Schiffen und in Zügen nach Auschwitz verschleppt; die meisten wurden nach ihrer Ankunft ermordet. Der Grabstein aus dem 17. Jahrhundert und das Vereinsfoto von 1938 erschließen die Geschichte der Gemeinschaft, gegen die sich diese Vernichtung richtete. An dieser Verfolgungsgeschichte erläutert die Schau ihre grundsätzliche Argumentation.
Zum historischen Vergleich gehört folglich auch die Prüfung, ob ähnliche Begriffe tatsächlich ähnliche Verhältnisse bezeichnen. Wer waren die Verfolgten? Welche Ziele verfolgten die Täter, über welche Institutionen und Handlungsmöglichkeiten verfügten sie? Welche Rolle spielten wirtschaftliche Interessen, rassistische Vorstellungen und die Absicht zur Vernichtung? Die Ausstellung stellt solche Fragen zur Diskussion. Vierzehn Videointerviews mit internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erweitern im Epilog die Perspektiven auf Kontinuitäten, Brüche und Vergleichbarkeit.
Gespräche, Filme und Angebote für Schulen
Das Begleitprogramm führt die Auseinandersetzung bis ins Frühjahr 2027 fort. Die Reihe „Zugänge. Ein Zitat, ein Objekt, ein Raum“ beginnt am 18. November 2026. Forschende erläutern darin einzelne Themen anhand ausgewählter Zeugnisse. Am 24. Januar 2027 widmet sich der Thementag „Allianzen“ antikolonialen und antifaschistischen Netzwerken. Ab dem 3. Februar nimmt die Reihe „Verhandlungen“ Gerichtsverfahren zu kolonialen und nationalsozialistischen Verbrechen in den Blick.
Eine Filmreihe im Zeughauskino läuft bis zum 14. Dezember 2026. Sie ergänzt die Ausstellung um filmische Darstellungen von Herrschaft und Gewalt sowie um die Frage, wie solche Bilder historisch eingeordnet werden können. Für Schulklassen der Sekundarstufen I und II bietet das Museum Führungen und Workshops an. Zur Ausstellung ist außerdem im Wallstein Verlag ein von Raphael Gross und Stephan Malinowski herausgegebener Katalog mit wissenschaftlichen Beiträgen erschienen.
Termin, Ort und Eintritt
„Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“
16. Oktober 2026 bis 11. April 2027
Deutsches Historisches Museum, Pei-Bau, Untergeschoss
Unter den Linden 2, 10117 Berlin
Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr. Am 24. Dezember bleibt das Museum geschlossen; am 31. Dezember ist es von 10 bis 14 Uhr, am 1. Januar von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt für diese Ausstellung kostet 7 Euro, ermäßigt 3,50 Euro. Bis 18 Jahre ist der Eintritt frei. Besuchszeiten ohne Gruppenführungen („Quiet Hours“) sind dienstags von 16 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 12 Uhr vorgesehen.
