Deutschlands langer Aufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg
Als die Menschen am 20. Juni 1948 die ersten D-Mark-Scheine erhielten, waren viele Wohnungen noch Ruinen. Das neue Geld konnte weder ein Dach reparieren noch zusätzliche Lebensmittel hervorbringen. Es veränderte aber die Bedingungen, unter denen Waren angeboten, Arbeit entlohnt und Ersparnisse bewertet wurden. Die Währungsreform wurde später zum Gründungsbild des westdeutschen Wohlstands. Der Wiederaufbau hatte jedoch früher begonnen, und die Not endete nicht an einem einzigen Tag. Zwischen Kriegsende und wirtschaftlichem Aufstieg lagen Jahre mühsamer Arbeit, politischer Entscheidungen und ungleich verteilter Belastungen.

Trümmerbeseitigung am Berliner Reichstag, 18. März 1948. Bundesarchiv, Bild 183-M1203-303 / Donath, Otto / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-M1203-303, Berlin, Trümmerräumen am Reichstag, CC BY-SA 3.0 DE.
Schwierige Zeiten
Die deutsche Kapitulation vom Mai 1945 beendete den Krieg in Europa. Für die Überlebenden begann ein Alltag zwischen Zerstörung, Verlust und der Suche nach Angehörigen. Millionen Männer waren gefallen oder befanden sich in Kriegsgefangenschaft. Die Behauptung, die meisten deutschen Männer hätten den Krieg nicht überlebt, trifft jedoch nicht zu. Frauen trugen in vielen Familien eine besonders große Verantwortung für Versorgung und Kinder. Ihre Arbeit gehörte zum Wiederaufbau, erklärt ihn aber ebenso wenig allein wie das später verbreitete Bild einer ausschließlich von Frauen beseitigten Trümmerlandschaft.
Zerstörte Verkehrswege erschwerten die Verteilung von Kohle, Lebensmitteln und Baustoffen. Betriebe konnten auch dann stillstehen, wenn ihre Maschinen erhalten geblieben waren: Es fehlten Energie, Rohstoffe, Ersatzteile oder Transportmöglichkeiten. Die Schäden unterschieden sich erheblich zwischen Städten und Regionen. Von einer überall vollständig zerstörten Industrie kann keine Rede sein. Zugleich brauchten Millionen Flüchtlinge und Vertriebene Unterkunft und Arbeit. Ihre Aufnahme verschärfte zunächst die ohnehin große Wohnungsnot; längerfristig wirkten viele von ihnen am wirtschaftlichen Aufbau mit.
Die Besatzungsmächte teilten Deutschland in eine amerikanische, britische, französische und sowjetische Zone. Berlin erhielt dagegen vier Sektoren und wurde gemeinsam besetzt. Die Zonengrenzen entsprachen nicht einfach der späteren Länderkarte: Baden und Württemberg waren beispielsweise geteilt; Bremen gehörte als amerikanische Enklave nicht zur britischen Zone. Das Saargebiet wurde aus der französischen Besatzungszone ausgegliedert und wirtschaftlich eng an Frankreich gebunden. Es war kein gewöhnlicher Bestandteil Frankreichs. 1957 trat das Saarland der Bundesrepublik bei; die wirtschaftliche Eingliederung mit Einführung der D-Mark folgte 1959.
Auch die Reparationspolitik verlief unterschiedlich. Die Sowjetunion ließ zahlreiche Industrieanlagen und Teile der Verkehrsinfrastruktur abbauen. Sie entnahm außerdem Waren aus der laufenden Produktion und überführte wichtige Betriebe in Sowjetische Aktiengesellschaften. Diese Unternehmen blieben vor Ort und arbeiteten unter sowjetischer Kontrolle. Die Behauptung, sämtliche Anlagen im Osten seien abtransportiert worden, verdeckt gerade diesen Unterschied. Auch in den Westzonen gab es Demontagen, deren Umfang und politische Bedeutung sich im Zuge des beginnenden Kalten Krieges veränderten.
Mühsamer Aufbau
Im strengen Winter 1946/47 verschärften Kälte, Brennstoffmangel und gestörte Transporte die Versorgungskrise. Menschen hungerten und froren; Krankheiten trafen besonders die bereits Geschwächten. Nahrung, Kleidung und Heizmaterial bestimmten die täglichen Wege und Entscheidungen vieler Familien.
Lebensmittelkarten verteilten Ansprüche auf knappe Waren, garantierten aber keine ausreichende Versorgung. Wer über Tauschmittel oder Kontakte zur Landwirtschaft verfügte, konnte seine Lage oft verbessern. Andere waren auf Unterstützung angewiesen. Der Schwarzmarkt bot zusätzliche Waren, verstärkte jedoch soziale Unterschiede. Die Reichsmark verlor als verlässliches Tauschmittel an Bedeutung. Der große Geldüberhang hatte seine Wurzeln wesentlich in der Finanzierung der nationalsozialistischen Aufrüstung und des Krieges; er war keine bloße Folge der Zerstörungen von 1945.
Bei der Trümmerbeseitigung arbeiteten Frauen und Männer, kommunale Stellen und Bauunternehmen. Die Organisation unterschied sich nach Ort und Besatzungsgebiet. Neben Handarbeit wurden Maschinen eingesetzt. Die viel fotografierten „Trümmerfrauen“ stehen für einen Teil dieser Arbeit, dürfen aber nicht mit dem gesamten Wiederaufbau gleichgesetzt werden. Zunächst mussten Straßen geräumt, Versorgungseinrichtungen repariert und vorhandene Gebäude notdürftig nutzbar gemacht werden. Neue Wohnungen und Fabrikhallen entstanden daraus erst in einem längeren Prozess.
Deutschland war dabei nicht ausschließlich auf eigene Erzeugnisse angewiesen. Lebensmittellieferungen und andere Hilfen von außen wurden wichtig. Mit dem 1947 angekündigten und 1948 angelaufenen Marshallplan verbanden die USA europäische Wiederaufbauhilfe mit wirtschaftlichen und politischen Zielen. Die westlichen Besatzungszonen wurden einbezogen, die sowjetische Zone nicht. Die entstehenden Wirtschaftsräume unterschieden sich dadurch zunehmend im Zugang zu Hilfe, in ihren Außenbeziehungen und in der Organisation von Eigentum und Produktion.
Der wirtschaftliche Aufstieg
Am 20. Juni 1948 begann die Währungsreform in den drei Westzonen; am folgenden Tag wurde die D-Mark zum regulären Zahlungsmittel. Zunächst wurden 40 D-Mark je Person ausgegeben, später weitere 20. Laufende Zahlungen wie Löhne und Mieten wurden grundsätzlich im Verhältnis eins zu eins umgestellt. Für Geldvermögen galten andere Regeln. Bei vielen Guthaben blieben schließlich 6,50 D-Mark für 100 Reichsmark. Ein einheitlicher Umtauschkurs für sämtliche Ansprüche und Verpflichtungen bestand daher nicht.
Die sowjetische Besatzungszone führte wenige Tage später ebenfalls eine Währungsreform durch. Aufgeklebte Coupons auf alten Scheinen waren eine Übergangslösung; im Juli 1948 folgten neue Banknoten. Die getrennten Reformen vertieften die wirtschaftliche und politische Spaltung. Sie waren Teil des wachsenden Konflikts zwischen den Besatzungsmächten. Die deutsche Teilung lässt sich deshalb weder allein aus einer sowjetischen Weigerung noch allein aus einem westlichen Währungsschritt erklären.
Im Westen erschienen nach der Reform zuvor zurückgehaltene Waren wieder in den Geschäften. Mit der gleichzeitigen Lockerung vieler Bewirtschaftungs- und Preisvorschriften verbesserten sich Anreize für Produktion und Verkauf. Doch gefüllte Schaufenster bedeuteten noch keinen Wohlstand für alle. Preise stiegen, während Einkommen zunächst nicht entsprechend zunahmen. Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot blieben bestehen. Wer Ersparnisse verloren hatte und über wenige Sachwerte verfügte, erlebte die Reform anders als jemand mit einem Betrieb oder nutzbarem Grundbesitz.
Das Wirtschaftswunder
In den 1950er-Jahren beschleunigte sich der westdeutsche Aufschwung. Dazu trugen Wiederaufbauinvestitionen, vorhandene Kenntnisse und industrielle Strukturen, steigende Nachfrage und die Einbindung in die internationale Wirtschaft bei. Der Koreakrieg verstärkte die Nachfrage nach westdeutschen Erzeugnissen. Beschäftigung und Einkommen stiegen; für viele Haushalte wurden langlebige Konsumgüter allmählich erschwinglich. Der Ausdruck „Wirtschaftswunder“ beschrieb diese Erfahrung, ersetzte aber keine Erklärung ihrer Voraussetzungen.
Ludwig Erhard stand als Wirtschaftsminister für die Soziale Marktwirtschaft, deren Begriff Alfred Müller-Armack geprägt hatte. Wettbewerb sollte mit einem sozialen Ausgleich verbunden werden. Wie weit staatliche Eingriffe und soziale Sicherung reichen sollten, blieb politisch umstritten. Die später im Stabilitätsgesetz von 1967 formulierten Ziele waren Preisstabilität, ein hoher Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht sowie stetiges und angemessenes Wachstum. Starre Grenzwerte von einem Prozent Inflation oder 0,8 Prozent Arbeitslosigkeit gehörten nicht zu dieser gesetzlichen Zielbestimmung.
Auch der Aufstieg verlief nicht bruchlos. Die Rezession von 1966/67 zeigte die Grenzen der bisherigen Wachstumserwartungen; die Ölkrise von 1973 leitete weitere Veränderungen ein. Die ostdeutsche Wirtschaft entwickelte sich unter anderen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen. Eine gemeinsame Nachkriegsgeschichte muss deshalb beides betrachten: die allmähliche Überwindung der materiellen Not und die Entstehung zweier unterschiedlicher Wirtschaftsordnungen. Wohlstand war das Ergebnis von Arbeit, Entscheidungen und internationalen Rahmenbedingungen. Er entstand weder über Nacht noch für alle Menschen im gleichen Tempo.
Autorin: Martina Meier. Redaktionell überarbeitet und erweitert.
Literatur
Wolfgang Benz: Deutschland unter alliierter Besatzung 1945-1949/55. Ein Handbuch. Berlin 1999.
Herbert Ulrich / Axel Schildt: Kriegsende in Europa. Essen 1998.
Jürgen Weber: Das Jahr 1949 in der deutschen Geschichte. Die doppelte Staatsgründung. München 1997.
Jürgen Weber: Der Bauplan für die Republik. Das Jahr 1948 in der deutschen Nachkriegsgeschichte. München 1997.
