Jugendbücher über die NS-Zeit kommen nicht selten schwermütig-moralisierend daher. Das mag thematisch begründet sein, kann aber die Lesefreude mindern. Dass es anders geht, zeigt Maria van Lieshout in ihrer in Amsterdam spielenden Graphic Novel Das Lied der Amsel. Spannungsfördernd verknüpft die Autorin zwei zeitliche Ebenen: Die ca. 15 Jahre alte Annick sucht im Jahre 2011 für eine Knochenmarkspende einen nahen Verwandten ihrer an Leukämie erkrankten Großmutter. Dabei stellt sich heraus, dass die Familie ihrer geliebten Oma mit dieser nicht biologisch verwandt ist, ihre Großmutter offenbar adoptiert wurde. Auf der Suche nach der Herkunft ihrer Großmutter taucht Annick mit Hilfe von historischen Zeichnungen verschiedener Amsterdamer Gebäude in das Jahr 1943 ein und erfährt so viel über die Situation der Juden während der Besatzungszeit. Anschaulich schildert Lieshout den niederländischen Widerstand gegen die Deutschen wie die Kollaboration. Den Rahmen bildet das Lied der Amsel, die zudem wiederholt erläuternd und kommentierend in die Handlungen eingreift. Die humanisierende Kraft der Kunst wird nicht nur hier deutlich. Auch grafisch überzeugt Das Lied der Amsel. Geschickt wechselt die Autorin traditionelle Panels mit frei gestalteten Seiten, variiert zwischen monochromen und farbigen Abbildungen und kombiniert Zeichnungen mit historischen Fotos. Abgerundet wird diese auf Sentimentalitäten weitgehend verzichtende Geschichte ohne vordergründiges Happy End durch einen umfangreichen Anhang, in dem der fiktionale Charakter betont wird, zugleich die vielfältigen historischen und biografischen Anleihen erläutert werden. Wie McCartneys Song Blackbird ist Lieshouts Graphic Novel, die im amerikanischen Original Song of a Blackbird heißt, ein nachdrücklicher Appell gegen Rassismus und für Menschenrechte. – Absolut lesenswert!
Autor: Tomas Unglaube
Maria van Lieshout / Ulrike Schimming (Übers.): Das Lied der Amsel. A. d. amerikanischen Engl., Frankfurt / Main: Fischer-Sauerländer 2026, 258 S., ab 14 J., € 22,-