Là-bas - von Chantal Akerman

Là-bas - von Chantal AkermanChantal Akermans Dokumentarfilm Lá-bas beginnt mit einem Blick durch einen Rolladen auf  ein Nachbarhaus. Ein altes Paar sitzt dort gegenüber auf einer Dachterrasse. Die Frau sitzt auf einem Stuhl, während er einen Spiegel für sie aufstellt und danach geschäftig um sie herumläuft.  Der stille Beobachterblick durch die Lamellen des Rollos ruht auf den Geschehnissen der Umgebung. Ab und an wechselt er die Perspektive, beobachtet ein Flugzeug am Himmel, andere Bauten oder auch eine Schale im Inneren des Zimmers, aus dem die Regisseurin ihren Blick schweifen lässt. Begleitet werden die atmosphärischen Szenen nur durch sporadische Monolog- und Gesprächsfetzen von Chantal Ackermann aus dem Off. Ihre tiefe Stimme hört man gelegentlich Telefonanrufe beantworten, Verabredungen absagen oder erklären, dass es ihr schwer falle, die Wohnung zu verlassen.

Dazwischen immer wieder lange Pausen, die meditative Ruhe verströmen oder blanke Langeweile – je nachdem wie man es sieht. Denn der Film von Chantal Akerman ist zwar ein sehr persönliches Werk, es bleibt dem Zuschauer ohne genaue Kenntnis ihrer Person und ihres Werkes jedoch fast nahezu gänzlich verschlossen.

Ohne die Kenntnis ihres aktionskünstlerischen Dokumentarstils in Werken wie: Hotel Moneterey (1972), in dem ein Emigrantenhotel in New York in axialen Kamerabewegungen begreift oder wie Je tu il elle (1975), ein Film in dem sie in einem leeren Zimmer auf einer Matratze sitzend Puderzucker isst. Oder das Wissen um ihre jüdische Herkunft, das Schicksal ihrer Mutter, welche den Holocaust überlebte.

Insofern scheint es nahe liegend, dass sie als filmischen Ort für ihren Blick auf eine Stadt  Tel Aviv wählt. Dieser Blick spiegelt Einsamkeit wider, Eingeschlossensein mit sich allein und Ausgeschlossensein von der Umwelt. Tel Aviv wird zum ersten israelische Drehort für die Regisseurin. Sie selbst hatte lange Zeit Zweifel hier etwas Filmisches zu schaffen und schrieb zu Là-bas: „Ich hatte das Gefühl, dass das keine gute Idee, ja sogar eine unmögliche Idee ist – fast lähmend und geradezu abstoßend. Ich hatte Angst, mir die Finger zu verbrennen und den Verstand, Angst vor den Klippen meiner Subjektivität, die mir bei diesem Thema gefährlich und konfus vorkam. Wenn ich von Dingen sprechen will, die mir nahe sind, zu nahe, mache ich einen Umweg. Der Umweg erschüttert mich zwar auch, aber es ist dennoch nicht der direkte Weg.“

Dass sie es doch getan hat, verdankt Chantal Akerman einer Einladung der Universität nach Tel Aviv. Irgendwann entstand während dieser das erste Bild  und dann auch alle weiteren Sequenzen dieses äußerst selbstreflexiven, autobiografischen Werks, das einen selten tiefen, aber auch unergründlichen Blick in die Psyche der belgischen Filmemacherin erlaubt.

Ohne all diese vorausgesetzten Informationen bleibt der Zuschauer sich  und seinen Assoziationen überlassen und somit reiht sich dieser Film unnötigerweise ein in die Riege des selbstzentrierten Autorenkinos.

 

Regie: Chantal Akerman
Länge: 79 min.
Produktion: Frankreich 2005