"Tertium Non Datur" von Lucian Pintilie

Lucian PintilieTertium non datur ist die traditionelle Bezeichnung für den Satz vom ausgeschlossenen Dritten, der  von Aristoteles in der Metaphysik folgendermaßen formuliert wurde:
„Soviel sei nun darüber gesagt, dass die Meinung, entgegen gesetzte Aussagen seien nicht zugleich wahr, die sicherste von allen ist; [...] Da es aber unmöglich ist, über ein und dasselbe zugleich Widersprechendes mit Wahrheit  auszusagen, ist es offenbar, dass nicht ein und demselben zugleich Gegenteiliges zukommen kann. [...] Wenn es also  unmöglich ist, etwas mit Wahrheit gleichzeitig zu bejahen und zu verneinen, so ist es auch unmöglich, dass Gegenteiliges zugleich demselben zukomme, es sei denn, dass entweder beide Gegenteile nur in gewisser Beschränkung zukommen oder das eine nur in gewisser Beschränkung, das andere aber schlechthin. Und doch ist es nicht möglich, dass es ein Mittleres zwischen den beiden Gliedern des Widerspruches gibt, sondern man muss eben eines von beiden entweder bejahen oder verneinen.“ (Aristoteles, Metaphysik 1011b13ff.)

Dieses Axiom setzt der Rumäne Lucian Pintilie in seinem gleichnamigen Film Tertium non datur um, dessen Drehbuch eine Adaption von Vasile Voiculescu´s Kurzgeschichte Der Auerochsenkopf (Original: Capul de zimbru) ist. Der Regisseur konstruiert eine allegorische Geschichte um den Ehrbegriff vor dem Hintergrund der rumänischen Kooperation mit den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkrieges.

Deutsche und rumänische Truppen haben sich in der ukrainischen Steppe vor der Roten Armee zurückgezogen, in einer alten Schule trifft eine rumänische Armeeeinheit auf zwei Deutsche, einen General und einen Major. Anstelle politischer oder nationaler Auseinandersetzungen versuchen sie krampfhaft ein Fest zu arrangieren. Es mag zunächst keine Stimmung aufkommen, die deutschen Gäste lassen ihre Gastgeber Verachtung für deren Ärmlichkeit spüren und erst als französischer Champagner die Runde macht, lockert sich die Stimmung. Um seine Gastgeber zu beeindrucken gibt der deutsche Major seinen in einem Konzentrationslager von einem Juden ´erworbenen´ Schatz in die Runde, die teuerste Briefmarke der Welt. Der sogenannte Auerochsenkopf sei eine rumänische Marke, die nur  noch in zweifacher Ausfertigung existierte, eine Dritte gibt es nicht: tertium non datur! Als die Marke dabei auf unerklärliche Weise verschwindet, entfacht sich eine perfide Diskussion um die gekränkte Ehre der Gastgeber und spiegelt die gesamte Bandbreite möglicher Reaktionen. Der rumänische General würde für seine Ehre sogar sterben, Hauptmann Tomut hingegen verweigert sogar eine Durchsuchung und erteilt seinen Kameraden eine aufschlussreiche Lektion. Denn nachdem die Marke an der Unterseite eines Suppentellers klebend wieder aufgetaucht ist und die Deutschen weitergereist sind, offenbart der Hauptmann, dass er im Besitz der zweiten Marke ist: tertium non datur! Ganz im Gegensatz zum deutschen General hatte die Marke für Tomut einen ideellen Wert, sie war ein Familienerbstück, ein Talisman seiner Mutter.
Das Schicksal hat die Marken zusammengeführt und den Rumänen ihren falschen Ehrgebriff vorgeführt. Tomut verbrennt die Marke im Wert von 50.000 Reichsmark vor den anderen als Zeichen seiner Ehre, denn er hat „resisted“ und sich nicht durchsuchen, demütigen lassen. Großer Applaus.

Pintilie versucht mit dieser Parabel die Groteske des Ehrbegriffs und seine Nähe zum Tod darzustellen. Die Absurdität dessen wird jedoch höchstens durch den penibel genauen formalen Aufbau widergespiegelt. Er inszeniert die Geschichte wie ein Kammerspiel, den formalen Rahmen bildet die aus der Vogelperspektive gefilmte Tafel, die zunächst auf- und am Ende wiederabgebaut und zum Zentrum des Geschehens wird. Die 12 Gedecke lassen Assoziationen zum Abendmahl zu, doch wer ist der Judas? Im Abspann läuft der ganze Film noch einmal im Zeitraffer mit gesungenem Titel durch. Alles in allem bleibt vieles offen, die Geschichte uninspiriert und der Film historisch irrelevant.

Die Uraufführung des Films war am 14. Februar 2006 während der Berlinale in der Section Forum zu sehen. Vier Jahre zuvor war Pintilie bereits in der Retrospektive der Berlinale vertreten und zwar mit seinem Film "Reconstituirea" (Rekonstruktion, 1968), der kurz nach seinem Erscheinen in Rumänien verboten wurde und Pintilie wie viele andere Intellektuelle dazu veranlasste, das Land zu verlassen. Erst 1990 ist er in seine Heimat zurückgekehrt.

 

Regie: Lucian Pintilie
Buch: Lucian Pintilie, nach der Kurzgeschichte Capul de zimbru von Vasile Voiculescu
Cast: Victor Rebengiuc, Sorin Leoveanu, Tudor Istodor, Cornel Scripcaru, Bogdan Stanoevici

Länge: 39 min
Produktion: Rumänien, 2006