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Alles auf Zucker - von Dani Levy
Geschrieben von: Matthias Reichelt
Eine Kurzbeschreibung des Plots von Dani Levy neuem Film nach einem Drehbuch von ihm und Holger Franke wäre ein Unterfangen und kann hier nur rudimentär erfolgen. Komplett unverfilmbar würde das Urteil nach der Lektüre lauten. Doch Levy hat eine hinreißende Screwball-Comedy gedreht, die den Vergleich mit Lubitsch nicht scheuen braucht.
Das Leben des legendären DDR-Sportreporters, Kommunisten und Juden Jackie Zucker (alias Zuckermann, wunderbar gespielt von Henry Hübchen) ist nach der Wende nicht rosig verlaufen. Verschuldet bei der Bank, bei der sein stotternder Sohn Thomas (Stefan Groth) arbeitet, verkracht mit seiner Frau (Hannelore Elsner), entzweit mit seiner Tochter (Anja Franke, bekannt als nörgelig-faule Sekretärin bei Liebling Kreuzberg), hält er sich krampfhaft mit Poolspiel über Wasser. Auch als Buchhalter für das Bordell „Club der Mitte“ seiner Geliebten Linda (Renate Krößner) ist Zucker keine große Leuchte, denn hier droht der Konkurs. „Ich stehe bis zum Hals in der Scheiße, aber der Ausblick ist gut“ lautet Jackies Maxime. Dies ist ungefähr die Ausgangssituation für Dani Levys rasante Komödie. In dieser Situation erreicht Jackie die Nachricht, dass die Mutter gestorben ist und als fromme Jüdin auf dem Friedhof in Weißensee begraben werden will. Ihr Erbe soll zu gleichen Teilen an die ungleichen Brüder Samuel (Udo Samel) und Jackie gehen. Da sich die Mutter und der Sohn rechtzeitig vor dem Mauerbau in den Westen geflüchtet und in Frankfurt gelebt haben und dabei Jackie in einem Sportinternat der DDR vergaßen, entwickelten sich beider Lebenswelten drastisch auseinander. Jackie hat seine jüdischen Wurzeln vergessen bzw. mit diesem „Club“ seit 1961 nichts mehr am Hut, während sein Bruder und dessen Familie die traditionellen Riten des Judentums leben. Als Bedingung für die Erbschaft hat die Mutter die Aussprache und Versöhnung der Brüder bei der gemeinsamen 7-tägigen Trauerfeier (Schiva) gestellt. Pech, dass ausgerechnet parallel zur Schiva die Europäischen Billardmeisterschaften mit einem Preisgeld von 100.000 € stattfinden, das für Jackie die Rettung aus seiner verfahrenen Situation bedeuten würde. Die Konfrontation von DDR- und BRD-Geschichte, orthodoxem und säkularem Judentum, der Verarbeitung von Klischeevorstellungen - inklusive antisemitischer – und ihrer Konterkarierung, die Coming outs der Kinder als schwul und lesbisch, all diese Seitenstränge hat Dani Levy auf sehr sympathische Weise gemeistert. Die treffsicheren und witzigen Dialoge sowie das gute Händchen für die Besetzung haben verhindert, diesen unglaublich beladenen Plot zur Klamotte zu machen. Levy hat sehr auf Tempo inszeniert. Die Handlung stürzt durch die schnelle Schnittfolge über die Zuschauer herein. Ehe man sich versieht ist Zucker bereits in das nächste Fettnäpfchen getreten. Da kann es auch schon passieren, dass man – wie bei Woody Allen – mal ein Bonmot im Dialog überhört, aber der Film hält auch einer zweiten Sichtung stand.
Im Lauf des Filmes müssen alle Protagonisten ihre Selbstinszenierung und Lebenslügen aufgeben und werden als sympathische Menschen sichtbar, die mit kleinen Tricks sich und ihre Umwelt betrügen, um ihr Leben einigermaßen würdevoll zu meistern
Autor: Matthias Reichelt
„Alles auf Zucker“, BRD 2004, Dolby SR-D, 90 min
Regie; Dani Levy
Kinostart: 6. Januar 2005
