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Gewaltfrei gegen Hitler ? - von der Werkstatt für gewaltfreie Aktion, Baden
Geschrieben von: Wigbert Benz
Werkstatt für gewaltfreie Aktion, Baden (Hrsg.): Gewaltfrei gegen Hitler? Gewaltloser Widerstand gegen den Nationalsozialismus und seine Bedeutung für heute. Gewaltfrei Leben Lernen, Karlsruhe 2007.
Bis heute wird die Terrorherrschaft des NS-Staates und der militärische Sieg über diesen zur moralischen Rechtfertigung von Kriegen instrumentalisiert. Die Kriege gegen Jugoslawien, Afghanistan und den Irak werden entsprechend als waffengestützte humanitäre Befreiungsaktionen gewertet. Abgesehen davon, dass durch solche Gleichsetzungen der Holocaust verharmlost wird, gerät die Fragwürdigkeit von Kriegen zum Herbeibomben von Demokratie und Menschenrechten aus dem Blick. Und völlig außen vor bleibt die Frage, ob der militärische Widerstand gegen Hitler tatsächlich alternativlos gewesen ist.
An solchen Grundüberzeugungen rütteln die in diesem Sammelband vorliegenden Beiträge. Zunächst beschreibt aus der Sicht eines betroffenen Juden György Konrad, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 1991, am Beispiel der Judenverfolgungen in Ungarn 1944, dass Mitgefühl und Zivilcourage oft die effektivste Hilfe für die Betroffenen darstellten.
Im Anschluss an Gandhis 1940 publizierten Aufsatz "How to combat Hitlerism?" erörtert der Politikwissenschaftler Theodor Ebert anhand der theologisch-politischen Auseinandersetzung von Bonhoeffer mit Gandhi die ungenügende Rezeption gewaltfreier Handlungsoptionen beim Widerstand gegen Hitler. Dabei wird klar, dass Gandhis Aussage "Der Hitlerismus wird niemals besiegt werden durch einen ihn übertrumpfenden Gegenhitlerismus" angesichts der 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges und der nachfolgenden Perpetuierung militärischer Gewaltmuster nicht zum Belächeln taugt, sondern ernsthaftes Nachdenken abverlangt.
Andreas Buro, wie Ebert Politikprofessor, und Arno Klönne, Hochschullehrer für Sozialwissenschaften, arbeiten dezidiert heraus, dass die Kriegsziele der Alliierten mehr an der Durchsetzung machtpolitischer und ökonomischer Interessen denn an menschenrechtlichen Erwägungen orientiert waren. Zivile Konfliktlösungsmuster wurden kaum und eine pazifistische Politik zur Verhinderung oder Eindämmung des Faschismus gar nicht entwickelt.
Dass es im Wesentlichen spontan, vereinzelt und insgesamt unkoordiniert zivilen Widerstand gegen das NS-Regime und seine genozidale Politik gab, zeigen die Beiträge von Christoph Besemer, Dietmar Böhm, Thomas Seiterich und Renate Wanie. Dieser zivile Widerstand gegen die NS-Gewaltherrschaft war sogar sehr erfolgreich. Die Autoren beleuchten folgende Beispiele:
Die norwegische Bevölkerung wehrte sich gegen die Gleichschaltung durch die Besatzer, indem sich 90 Prozent der 14 000 Lehrer weigerten, der Pflicht zum Beitritt in den NS-Lehrerverband nachzukommen. Auch die Inhaftierung von 1000 Lehrern konnte den Widerstand nicht brechen, und das NS-Marionettenregime in Norwegen musste nachgeben.
Die Solidarität der dänischen Bevölkerung rettete ihren 7000 jüdischen Mitbürgern das Leben. Praktisch sah dies so aus, dass die Deportationsbefehle durch Verstecken von Juden und Evakuierung auf Fischerbooten nach Schweden undurchführbar wurden.
Ähnliches gilt für die Rettung bulgarischer Juden durch das entschlossene gewaltfreie Handeln der überwiegenden Mehrheit der bulgarischen Bevölkerung. Dabei wurde der Protest gegen das Tragen des gelben Sterns 1942 massenhaft öffentlich artikuliert.
Und mitten im Herzen des NS-Staates, in der Berliner Rosenstraße, demonstrierten im März 1943 Frauen gegen die Inhaftierung ihrer in "Mischehe" mit ihnen lebenden jüdischen Männer und erreichten deren Freilassung.
Diese und andere Fakten bestätigen die These der Philosophin Hannah Arendt, die schon 1964 in ihrer Studie über Adolf Eichmann feststellte: "Gerade bei den Leuten in Gestapo und SS paarte sich Rücksichtslosigkeit keineswegs mit Härte; auch die Rücksichtslosesten unter ihnen zeigten eine erstaunliche Neigung, umzufallen, sobald sie mit entschlossenem Widerstand konfrontiert waren." Unter "entschlossenem Widerstand" verstand Hannah Arendt zivilen, gewaltfreien und offenen Widerstand.
Das Dogma von der Aussichtslosigkeit gewaltfreien Widerstandes, so weisen die Beiträge eindrucksvoll nach, ist ein in Unkenntnis historischer Sachverhalte begründetes Fehlurteil. Tatsächlich wurden auf diese Weise viele tausend Menschenleben gerettet, zum anderen Potentiale am Leben erhalten, die helfen können, die waffenstarrende Welt dem friedlichen statt einer immer wieder militärischen Austragung von Konflikten näher zu bringen.
Autor: Wigbert Benz. Erstveröffentlichung in: Süddeutsche Zeitung Nr. 82 vom 8.4.2008, S. 19.
Werkstatt für gewaltfreie Aktion, Baden (Hrsg.): Gewaltfrei gegen Hitler? Gewaltloser Widerstand gegen den Nationalsozialismus und seine Bedeutung für heute. Gewaltfrei Leben Lernen, Karlsruhe 2007. 117 S., 9 Euro.
