Über uns
Die Wochenzeitung "Junge Freiheit" - von Stephan Braun und Ute Vogt
Geschrieben von: Wigbert Benz
Stephan Braun/Ute Vogt (Hrsg.): Die Wochenzeitung „Junge Freiheit”. Kritische Analysen zu Programmatik, Inhalten, Autoren und Kunden, Wiesbaden 2007.
Bei ihrem Internetauftritt präsentiert sich die „Junge Freiheit“ (JF) unter der Rubrik „Wir über uns – Selbstverständnis“ als Wochenzeitung, welche „die große kulturelle und geistige Tradition der deutschen Nation in Ehren hält“. Ihre Beiträge werden oft und gerne von offensichtlich rechtsextremistischen Blättern wie „Nationalzeitung“ oder „Nation und Europa“ zitiert. Über Jahre hinweg war die Zeitung selbst in Verfassungsschutzberichten als tendenziell rechtsextremistisch geführt worden. Dagegen klagte die „Junge Freiheit“ und 2005 errichtete das Bundesverfassungsgericht im Interesse der Pressefreiheit hohe Hürden, um die „negative Sanktion einer Veröffentlichung in den Verfassungsschutzberichten zu ergreifen“. Eine „bloße Kritik an Verfassungswerten“ reiche dazu nicht aus. In der Tat gilt die Pressefreiheit auch für potentielle Feinde der Freiheit, und die öffentliche Auseinandersetzung über Inhalte und Ziele dieser Zeitung ist einer Demokratie eher würdig denn die Repression.
Die baden-württembergische SPD Landesvorsitzende Ute Vogt und ihr Landtagskollege Stephan Braun legen nun einen Sammelband vor, der genau diese öffentliche Auseinandersetzung in Politik, Wissenschaft und Bildungsarbeit mit Fakten und Analysen zu Programmatik, Inhalten und Autoren der Zeitung befördern will. Die Herausgeber und 15 weitere Autoren, in der Regel ausgewiesene Experten der Rechtsextremismusforschung aus dem journalistischen und wissenschaftlichen Bereich, darunter Wolfgang Gessenharter, Anton Maegerle ,Michael Pechel, Albert Scherr, Thomas Schlag und Fabian Virchow, analysieren im ersten Teil des Bandes die Positionierung des Blatts im Grenzraum der Verfassung und beleuchten im zweiten Teil dessen Akteure, Kunden und Kampagnen, bevor sie im Schlussabschnitt konkrete Vorschläge für den öffentlichen Diskurs sowie die außerschulische und schulische Bildungsarbeit unterbreiten.
Erfreulicherweise sind die Beiträge durchweg sehr sachlich gehalten, ohne jeden falschen Eifer. So wird nüchtern die Frage gestellt, ob denn die „Junge Freiheit“, auch wenn sie sich in dreißig Jahren vom alle zwei Monate erscheinenden 8-Seiten-Blatt zur Berliner Wochenzeitung mit „demokratischem Outfit“ und - nach eigenen Angaben - einer Druckauflage von 25000 Exemplaren entwickelt hat, über eine entsprechende Reichweite bei den Lesern verfügt. Doch nicht zuletzt ihre Vernetzung mit einer Vielzahl rechtsextremer Blätter, ihre u.a. bei dem führenden Online-Lexikon Wikipedia durchaus erfolgreichen Internetkampagnen, bei denen ihre Vertreter die Diskussion dominieren und ihr Erfolg bei der Gewinnung prominenter Interviewpartner verschaffen ihr eine beachtliche Akzeptanz.
Durch eine Fülle von Belegen wird nachgewiesen, dass die „Junge Freiheit“ das wichtigste Publikationsorgan der Neuen Rechten darstellt, deren Vertreter in der Tradition der sog. Konservativen Revolution stehen, die als starke antidemokratische Bewegung die Weimarer Republik untergrub und dem Erstarken des Nationalsozialismus Vorschub leistete. Als überragender geistiger Vordenker, der geradezu heroisch überhöht wird, gilt der Zeitung der „Kronjurist“ der Nationalsozialisten, Carl Schmitt, der den autoritären starken Staat mit klarem Feindbild forderte und die im Grundgesetz verankerten Menschenrechte als „unveräußerliche Eselsrechte“ verspottete.
Zahlreiche Artikel der „Jungen Freiheit“ vermitteln ein zutiefst rückwärtsgewandtes Geschichtsverständnis, das eine offene Flanke zum Geschichtsrevisionismus aufweist. Autoren wie Klaus Wippermann und Stefan Scheil betonen die angebliche Aggressivität Polens als Kriegsursache. Der Historiker Stefan Scheil schreibt, "sensationelle Archivfunde belegen kriegerische polnische Expansionsgelüste schon zu Zeiten der Weimarer Republik" und meint ein "nationalistisch- völkisches Expansionsprogramm" Polens zu erkennen. JF-Autor Klaus Wippermann schreibt, nicht Hitler-Deutschland, sondern "Polen wurde zum aggressivsten Staat Europas der zwanziger und dreißiger Jahre". Wehrmachtssoldaten hätten, so wiederum Scheil, gar keine rassistisch motivierten Ressentiments gegen Polen pflegen können, weil ausdrücklich auch das polnische Volk "als arisch eingestuft war". Derselbe Stefan Scheil, Träger des Gerhard-Löwenthal-Preises dieser Zeitung, bestreitet die Verantwortung der Wehrmacht am Massensterben von drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen: „Alle Gefangenen sollten ausreichend ernährt werden.“ Und der Herausgeber der Zeitung, Dieter Stein, beklagt, den Meinungsführern in Deutschland sei nichts mehr heilig, „nicht die Fahne, nicht die Ehre der Nation, der Familie, der Religion“. Am Pranger stehen für den Herausgeber und viele Autoren der JF die „68er“, deren linke Vertreter die Parteien und Redaktionsstuben beherrsche. Zum Niederhalten politischer Konkurrenz diene die Gedankenpolizei der Political Correctness, die Begriffe wie Nation, Nationalstolz, Patriotismus ebenso wie Elite oder Ausländerkriminalität gegen Deutsche mit Verboten belege und unter Faschismusverdacht stelle. Nun gelte es, diese Werte von den herrschenden Denkverboten zu befreien und so das ideelle Fundament einer selbstbewussten Nation zu schaffen. Nur so könnten die aktuellen weltpolitischen Herausforderungen der deutschen Nation gemeistert werden, einer Nation, die, so JF-Herausgeber Stein, „geopolitisch schon Kraft seiner Existenz Hegemonie ausübt“. Der natürliche Widerpart seien die USA und diesen könnte nicht die bestehende EU, sondern ein Europa der Nationalstaaten mit Deutschland als Kernstaat Paroli bieten. Um Deutschland aus seiner militärischen Ohnmacht zu befreien, müsse die Geschichte von den angeblichen Verbrechen der Wehrmacht entkriminalisiert und die Bundeswehr zur militärischen Wahrnehmung nationaler Interessen befähigt werden. Es ist das Verdienst der Herausgeber und Autoren dieses Sammelbandes, Selbstverständnis und inhaltliche Programmatik der „Jungen Freiheit“ nicht nur offengelegt, sondern mit Hunderten stichhaltiger Nachweise zudem gut - teilweise sogar spannend - lesbar der öffentlichen Diskussion zugänglich gemacht zu haben.
Autor: Wigbert Benz. Erstveröffentlichung in: Süddeutsche Zeitung Nr. 243 v. 22. Oktober 2007, S. 8,: Das politische Buch (in gekürzter Form).
Stephan Braun/Ute Vogt (Hrsg.): Die Wochenzeitung „Junge Freiheit”. Kritische Analysen zu Programmatik, Inhalten, Autoren und Kunden. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007. 362 Seiten, 39,90 Euro.
