Das Konzentrationslager Dachau: Erinnerung, Erlebnis, Geschichte

Anne Bernou- Fieseler et Fabien Théofilakis: Dachau. Mémoires et histoire de la déportation. Regards franco- allemamds, Paris 2006.

Anne Bernou- Fieseler und Fabien Théofilakis (Hg.): „Das Konzentrationslager Dachau: Erinnerung, Erlebnis, Geschichte. Deutsch- Französisches Kolloquium, München, 29. und 30. April 2005, München 2006.

„Dachau ist ein besonders schwieriger Ort der Erinnerung.“ so der Mitherausgeber der „Dachauer Hefte“ und Leiter der Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU- Berlin Wolfgang Benz im Editorial der „Dachauer Hefte“ im Gedenken des 50. Jahrestages der Befreiung der Vernichtungslager im von Deutschland besetzten Polen und der Konzentrationslager in Deutschland[1].

Im April 2005 beschäftigte sich ein deutsch- französisches Colloquium an der Münchener Ludwig- Maximilians Universität erneut mit der Thematik, was „... zu tun und was zu unterlassen [sei], damit eine Widerholung ausgeschlossen [werde]?“ [2] so Hermann Langbein 2005, wenige Monate vor seinem Tod.

Schon die politische und öffentliche Anteilnahme, unter der das Colloquium stattfindet, ist bemerkenswert[3]. Wurde 1995 noch die Abwesenheit der bayrischen Landesregierung bei den offiziellen Gedenkfeiern beklagt, wird 2005 das „Sich- Erinnern“ in der politischen öffentlichen Erinnerungskultur instrumentalisiert. So erscheint es nach außen, als ob die bayerische Regierung mit dem vom ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauss auferlegten Schweigen Bayerns zu den Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Schergen in Dachau brechen will. 2005 verpaßt die bayerische Landesregierung die Gelegenheit der bilateralen Tagung, um sich zu den Verbrechen der NS- Zeit öffentlich zu bekennen.

Die Beiträge des Colloquiums „Dachau. Mémoires et histoire de la déportation. Regards franco- allemamds.“[4] erschienen beim französischen Éditions Tirésias (2006) und fast zeitgleich im deutschen Verlag Meidenbauer. Die deutsche und französische Publikation unterstreichen somit, daß Dachau als Lieu de mémoire für die (europäische) Vergangenheitsbewältigung der nationalsozialistischen Verbrechen im 20. Jahrhundert steht. Dachau ist zum Symbol einer generationenübergreifenden Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, mit der Gegenwart und mit der Zukunft geworden, wie dies die Leiterin der KZ- Gedenkstätte Dachau, Barbara Distel, Eingangs unterstreicht[5]. Wie andere Orte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedenkt auch dieses ehemalige Konzentrationslager in der Nähe Münchens der Menschen, die (europaweit) zu Opfern der Rassenideologie wurden, und mahnt zugleich die kommenden Generationen sich humanitären Werten zu verpflichten.

Sowohl das Colloquium als auch das Tagungsband greift viele im Jahr 1995 aufgeworfene Fragen erneut auf und erweitert sie um den Aspekt der medialen und museumspädagogischen Vermittlungen der Erinnerung. Dabei handelt es sich um die Auseinandersetzung mit dem Erbe der Konzentrationslager an die nachfolgende Generationen[6].

So erscheint neben den klassischen Themen wie dem organisierten Staatsterrorismus, und dem geplanten und ausgeführten vielfachen Mord an Menschen, auch die im Lichte der neueren Forschungsergebnisse bearbeitet Mitschuld Vichys[7]. Der mehrdimensionale, deutsch- französische Blickwinkel, der im Colloquium und in den 19 Beiträgen im Vordergrund steht, ist wohltuend. Denn dadurch wird das Bewußtsein über die Tragweite des NS- Unrechtssystems für Deutschland und auch für (West-) Europa tiefgreifender.

Eingeleitet von der Rezitation Joseph Rovans „La Mort“ [8] ─ sein persönlicher Erlebnisbericht über eine  entmenschlichten Welt, dem KZ Dachau, die er zwischen 1944 und 1945 als KZ- Gefangener erlebt hat ─ wird verdeutlicht, daß im Vordergrund die bilaterale Erinnerungskultur zur dunkelsten Geschichte Europas am Anfang des 20. Jahrhunderts steht[9].

Deutlich wird dies durch den einleitenden historischen Überblick zum KZ Dachau und die Verwicklungen der damaligen französischen Regierung in Vichy in die Deportationen. Den ersten Teil des Tagungsbandes wird den letzten Zeitzeugen wie Général André Delpech, Jean Samuel, Paul Kerstenne und dem Gedicht von Arthur Haulot viel Aufmerksamkeit gewidmet[10]. Im letzten Teil geht es über die Zukunft der Erinnerung eben im Lichte des Wandels einer neuen Erinnerungskultur bedingt durch die Ferne der Ereignisse.

2005, zehn Jahre nach der erwähnten Feier bleibt der wissenschaftliche Grundsatz, daß die „Erinnerung“ an den NS- Terror „ ...auch Aneignung von Vergangenheit im öffentlichen Raum [ist]“ wirklich gültig[11]. Setzt man den von Cornelißen, Klinkhammer und Schwentker formulierten Ansatz voraus, daß „Erinnerungsprozesse sich in einem Spannungsfeld zwischen subjektiver Erfahrung, wissenschaftlich objektivierter Geschichte und kultureller Kommemoration...“[12] zusammensetzt, so haben Anne Bernou- Gieseler und Fabien Théofilakis dies eindrucksvoll bewiesen. Der Band beschäftigt sich nicht nur mit der Analyse des KZ Dachaus als Lieu de mémoire im politischen Spannungsfeld der Jahre von 1945 bis 2000, sondern zeigt zugleich auf, daß sich im Gedenken an die Opfer des KZ Dachau im Sinne Maurice Halbwachs ein Gedächtnis konstituiert hat, das sich von Generation zu Generation, bedingt durch die zeitliche Nähe bzw. die Ferne zu den Grauen des KZ ändert[13].

Das Jahr 2005 markiert einen Schnittpunkt zwischen einer rein wissenschaftlichen Auseinadersetzung und den persönlichen Erinnern der letzten noch lebenden Zeitzeugen.

Mit diesem Blick ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem KZ Dachau für die jetzige und nachfolgende Generationen jedoch keineswegs abgeschlossen.

Autor: Guilhem Zumbaum-Tomas

 

Literatur

Sous la direction de Anne Bernou- Fieseler et Fabien Théofilakis: Dachau. Mémoires et histoire de la déportation. Regards franco- allemamds. Éditions  Tirésias, Paris 2006.

Anne Bernou- Fieseler, und Fabien Théofilakis (Hg.): Das Konzentrationslager Dachau: Erinnerung, Erlebnis, Geschichte. Deutsch- Französisches Kolloquium, München, 29. und 30. April 2005., Martin Meidenbauer Verlag, München 2006.

 

Anmerkungen

[1] Dachauer Hefte, „Orte der Erinnerung 1945 bis 1995“ hrsg. von Wolfgang Benz und Barbara Distel, 11. Jahrgang Dezember 1995, S. 1.

[2] Langbein, Hermann, „Zur Funktion der KZ Gedenkstätten Plädoyer eines Überlebenden.“, in Dachauer Hefte, „Orte der Erinnerung 1945 bis 1995“ hrsg. von Wolfgang Benz und Barbara Distel, 11. Jahrgang Dezember 1995, S. 18. Langbein war ein Häftling des KZ Dachau und bis zu seinem Tod 1995 der einzige bis dato deutschsprachiger Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz. Langbeins Leben in der Emigration verdeutlicht die Verflechtung der deutschen und französischen Geschichte während der années noires in Frankreich. Nach seiner Internierung in Frankreich wird er im Mai 1941 veranlaßt von der französischen Regierung in Vichy nach Dachau deportiert. Ein Schicksal, daß der ehemalige Spanienkämpfer mit vielen Deutschen 1941, die seit 1938 in Frankreich interniert waren, teilen mußte. Und meistens war Dachau der Beginn einer menschenunwürdigen Odyssee durch die nationalsozialistischen Lager.

Zur Vita von Langbein siehe Dachauer Hefte, „Orte der Erinnerung 1945 bis 1995“ hrsg. von Wolfgang Benz und Barbara Distel, 11. Jahrgang Dezember 1995, Mitarbeiter des Heftes und der Nachruf von Benz im Editorial.

Peschanski, Denis; „La France des camps.“, Paris 2002.

Edwin M. Landau und Schmitt, Samuel, „Lager in Frankreich. Überlebende und ihre Freunde. Zeugnisse der Emigration, Internierung und Deportation.“, Mannheim 1991.

Frei, Bruno; „Die Männer von Vernet.“, Berlin (Ost) 1950, S. 223f.

Azéma, Jean Pierre und Bédarida, François; „La France des années noires.“, Paris 1993, 2000, 2 Bände.

[3] Eine Dekade zuvor beklagten sich Historiker und Zeitzeugen, daß der damalige bayerische Ministerpräsident, Franz Josef Strauss, sich von der Feierlichkeiten fernhielt.

Dachauer Hefte, „Orte der Erinnerung 1945 bis 1995“ hrsg. von Wolfgang Benz und Barbara Distel, 11. Jahrgang Dezember 1995.

[4] Bernou- Fieseler, Anne und Théofilakis, Fabien; „Dachau. Mémoires et histoire de la déportation. Regard franco- allemands.“, Éditions Tirésias, Paris 2006. Zu bestellen unter www.editions-tiresias.com/fiche-138.

In deutscher Übersetzung: „Das Konzentrationslager Dachau: Erinnerung, Erlebnis, Geschichte.“, Meidenbauer Verlag, München 2006.

[5] Bernou- Fieseler, Anne und Théofilakis, Fabien; „Dachau. Mémoires et histoire de la déportation. Regard franco- allemands.“, Éditions Tirésias, Paris 2006, S. 33f.

[6] Besonders hervorzuheben sind hierbei die bemerkenswerte Beiträge von Harold Marcuse, Annette Becker, Sarah Gensburger und Yves Michaud über die Verschiebungen der Erinnerung an das KZ Dachau und der Umgang der Gesellschaft mit dem Gedenken an die Opfer, in Bernou- Fieseler, Anne und Théofilakis, Fabien; „Dachau. Mémoires et histoire de la déportation. Regard franco- allemands.“, Éditions Tirésias, Paris 2006„Un demi-siècle de mémoriaux.“ und „Productions mémorielles, documents pour l´historien ou œuvres d´art ?“.

[7] Teil II der Tagung mit zwei Beiträgen über „Les déportés politiques de Dachau en provenance de France“ und Teil IV „Dachau, premier camp du système concentrationnaire allemand.“, in Bernou- Fieseler, Anne und Théofilakis, Fabien; „Dachau. Mémoires et histoire de la déportation. Regard franco- allemands.“, Éditions Tirésias, Paris 2006.

Siehe zu diesem Themenkomplex u.a. :Martens, Stefan und Vaïsse, Maurice; „Frankreich und Deutschland im Krieg (November m1942 – Herbst 1944). Okkupation, Kollaboration, Résistance.“, Bonn 2000.

Meyer, Ahlrich, „Die deutsche Besatzung in Frankreich 1940-1944. Widerstandsbekämpfung und Judenverfolgung.“, Darmstadt 2000.

Delacor, Regina, „Attentate und Repressionen. Ausgewählte Dokumente zur zyklischen Eskalation des NS- Terrors im besetzten Frankreich 1941/42.“, Stuttgart 2000.

[8] Rovan, Joseph, „La Mort“ in „Les Contes de Dachau“, Paris 1987, 1993; in Bernou- Fieseler, Anne und Théofilakis, Fabien; „Dachau. Mémoires et histoire de la déportation. Regard franco- allemands.“, Éditions Tirésias, Paris 2006, S. 13- 15. Joseph Rovan war als Ehrengast des Colloquiums eingeladen worden,verstarb jedoch ein dreiviertel Jahr vorher. Zu seinen Ehren fand eine Lesung aus seinem Buch „Les Contes de Dachau“ statt, vorgetragen von deutschen und französischen Gymnasiasten aus München. Heute noch wird sein Buch über seine Erlebnisse in Dachau so oft zitiert wie vergleichbar Primo Levis „“.Joseph Rovan, ein deutscher Emigrant, der in Frankreich Zuflucht fand, französischer Staatsbürger wurde war zweifach Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft geworden. 1933 floh seine Familie aus  Deutschland und 1944 wurde er wegen seiner Beteiligung in der französischen Résistance verhaftet und wie viele andere Résistanceanhänger als Geisel von der Wehrmacht nach Dachau deportiert.

Über Joseph Rovan: http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Rovan.

[9] Über das Konzept des „Dunklen Europas im 20. Jahrhundert“, siehe Mazower, Mark; „Der dunkle Kontinent. Europa im 20. Jahrhundert.“, aus dem Englischen, Berlin 2000, London 1998.

[10] In den Akten des Colloquiums ist den Zeitzeugen ein wichtiger Platz zugewiesen worden, sowie im vierten und fünften Teil der Umgang mit der Erinnerung nach 1945.

Dritter Teil des Colloquiums, „Témoignages d´anciens déportés de Dachau.“, in Anne Bernou- Fieseler und Théofilakis, Fabien, „Dachau. Mémoires et histoire de la déportation. Regard franco- allemands.“, Éditions Tirésias, Paris 2006, S. 89- 119;

Vierter Teil, „Dachau, premier camp du système concentrationnaire allemand.“ und der fünfte Teil „Histoire, témoignages, mémoires.“, in Dachau. Mémoires et histoire de la déportation. Regard franco- allemands.“, Éditions Tirésias, Paris 2006, S. 121–182 und S. 183-249.

[11] Benz, Wolfgang , „Braucht Deutschland ein Holocaust Museum. Gedenkstätten unbd öffentliche Erinnerung.“ In Dachauer Hefte, „Orte der Erinnerung 1945 bis 1995“ hrsg. von Wolfgang Benz und Barbara Distel, 11. Jahrgang Dezember 1995, S. 3.

Siehe hierzu auch die Kritik von Christoph Cornelißen, Lutz Klinkhammer und Wolfgang Schwentker über den inflationären Begriff der „Erinnerungskultur“, wenn früher damit „Vergangenheitsbewältigung“ gemeint war.

Cornelißen, Christoph, Klinkhammer, Lutz und Schwentker, Wolfgang; „Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945.“, Frankfurt/ Main 2003, S.12.

[12] Ebda.

[13] Hierzu sei nochmals auf den  Beitrag von Harold Marcuse „Dachau au fil du temps, de 1945 à 2005: concepts et finalités de la transmission.“ Hingewiesen; in Dachau. Mémoires et histoire de la déportation. Regard franco- allemands.“, Éditions Tirésias, Paris 2006, S. 35-48.