Interview mit Edgar Hilsenrath

Edgar Hilsenrath wurde 1926 in Leipzig als zweiter Sohn jüdischer Eltern geboren und überlebte die Shoah in der Ukraine. Nach wenigen Jahren in Palästina und kurzer Zeit in Frankreich folgte er seinen Eltern ins Exil in die USA, wo er bis 1974 in Manhattan als Kellner und Tagelöhner lebte, um nachts in Emigrantencafés zu schreiben. Seit 1975 wohnt Hilsenrath in Friedenau. Bekannt wurde er mit seinem schonungslos realistischen Darstellung des Gettos in „Die Nacht“. 1977 erhielt sein satirischer Roman „Der Nazi und der Friseur“ große Beachtung. Für „Das Märchen vom letzen Gedanken“ über den Genozid an den Armeniern bekam er 1989 den Alfred Döblin-Preis und 2004 für sein Gesamtwerk den Lion Feuchtwanger-Preis. Kürzlich sind sein neuester Roman „Berlin ... Endstation“ sowie eine von Helmut Braun verfasste Biografie im Berliner Dittrich Verlag erschienen.

 

Viele ihrer zentralen Figuren, ob sie Jablonski, Zibulsky, Ranek oder Lesche heißen, wie in Ihrem neuesten Roman „Berlin ... Endstation“, zeigen große Parallelen zu ihrem Leben. Trotzdem lehnen Sie das Attribut autobiografisch ab. Wieviel von Ihnen steckt in den Figuren?

Also, immer halb und halb. Die Romane sind nicht autobiografisch, obwohl ein Buch den Untertitel autobiografischer Roman trägt, der Ruben Jablonski. Alle anderen sind teilweise mit meinem Leben verbunden, aber anderes ist Fiktion.

In „Berlin .. Endstation“ kehrt Lesche im Unterschied zu Ihnen zwölf Jahre später nach Berlin zurück, Sie kamen bereits 1975 aus dem Exil in New York. Doch dann erlebt Lesche, der ebenfalls Schriftsteller ist, Geschichten, die aus dem Leben Edgar Hilsenraths bekannt sind.

Ja, das ist mehr oder weniger autobiografisch.

Da taucht zum Beispiel eine Figur namens Klaus Wagenbaum alias Klaus Wagenbach auf, der 1976 Ihren Roman „Der Nazi und der Friseur“ ablehnte.

Ich glaube, das Buch war für ihn zu anspruchslos. Der konnte damit nichts anfangen.

Wie empfanden Sie die Situation, als Sie 1975 in Westberlin ankamen?

Also, ich war ja vorher schon ein Jahr in München gewesen. Ich hatte nie persönliche Erfahrungen mit Antisemiten. Die waren alle sehr nett zu mir, ich hatte Freunde und konnte mich nicht beklagen.

Wie wurden Sie in der Literaturszene aufgenommen?

Ich hatte es anfangs sehr schwer. Der Kindler Verlag hatte meinen ersten Roman „Nacht“ über das rumänisch-ukrainische Getto in Mogilev-Podolsk unterdrückt. Kindler hatte den Roman zwar in einer kleinen Auflage von 1.800 Exemplaren 1964 veröffentlicht, aber die Opposition im Verlag war so stark, dass sie das Buch verschwinden ließen. Sie meinten, die Nacht könnte Antisemitismus erzeugen, weil die Juden in dem Buch ziemlich hässlich beschrieben werden. Aber ich habe gar keine Juden beschrieben, sondern einfach nur arme Menschen im Getto.

Das ist ja typisch für den Antisemitismus, aus jeder negativen Beschreibung eines Menschen, der auch Jude ist, ein Klischee zu formen. Das Bild vom „reichen Juden“ kann ja nur unter Ausblendung der großen Masse der armen jüdischen Bevölkerung existieren. Die osteuropäischen Juden waren ja unwahrscheinlich arm ..

Ja, natürlich. Das sind alles Vorurteile. Der Philosemitismus ist aber auch eine Art umgekehrter Antisemitismus.

Wurde der Roman der „Nazi und der Friseur“ aus philosemitischen Gründen damals von fast 60 Verlagen abgelehnt?

Ich glaube, die dachten, über den Holocaust darf man keine Satire schreiben. Das ist ja keine Satire über den Holocaust, es ist eine Satire über einen Massenmörder. Der Holocaust wird ja gar nicht direkt behandelt.

In „Berlin .. Endstation“ erzählt Lesche einer armenischen Buchhändlerin, in die er sich verliebt hat, im Flugzeug sein Leben und beendet seinen Bericht mit dem lakonischen Satz: „Ich könnte noch stundenlang vom Holocaust erzählen.“

Ich weiß nicht, warum ich solche Sätze schreibe. Aber bei solchen Sätzen bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Das ist eine Art von Galgenhumor. Meine Betrachtungsweise des Holocaust ist ja auch eine groteske.

Ist dieser Humor wichtig zum Über- und Weiterleben?

Für mich ja.

Die Differenz zwischen der ungeheuerlichen Gräuel und das distanzierende Lachen über solche lakonischen Sätze ist sehr produktiv. Man ertappt sich selber und erschrickt.

Ja, das haben mir schon mehrere Leute berichtet, dass sie dadurch zum Nachdenken angeregt wurden.

Der Vorläufer von „Berlin .. Endstation“ hieß eigentlich „Bronskis Geständnis“, jetzt trägt der Roman den Titel „Fuck America“. Warum?

Das war die Idee des Verlegers. „Fuck America“ war ja der zweite Titel des Prologs von „Bronskis Geständnis“. Der Verleger fand, dass das eine gute Reklame für das Buch wäre.

Geht Ihre Distanz zu den USA darauf zurück, dass Ihre Familie 1938 kein Visum für die USA erhielt?

Im Roman wird das so beschrieben. Aber für mich war Amerika ein Alptraum. Ich war ja dort kein Schriftsteller, ich war Kellner und habe das ganze Land aus der Froschperspektive erlebt. Ich hatte auch keine amerikanischen Freunde, kein Ansehen. Ich war Tagelöhner, besorgte mir Jobs über die Arbeitsvermittlungen in der Warren Street und habe in den Nächten geschrieben. Ich hatte große Probleme mit den Frauen, weil ich nicht genug Geld hatte, sie auszuführen. Das ist ja alles sehr teuer drüben. Amerika war eine große Enttäuschung für mich. Aber ich bin dort geblieben, weil ich dort schreiben konnte.

Der Hunger nach Sex der ist ein zentrales Thema Ihrer Romane.

Das ist autobiografisch. Ich war sehr frustriert. Frauen waren für mich immer sehr wichtig. Aber ich hatte keine in Amerika. Das habe ich in den Romanen zum Ausdruck gebracht.

Sexualität ist bei Ihren Protagonisten meist losgelöst von Gefühl und wird als Trieb und Triebbefriedigung beschrieben. In „Berlin ... Endstation“ taucht plötzlich das Gefühl von Liebe auf und Lesche selbst registriert den Unterschied.

Ja, das stimmt. Ich selber habe mich allerdings immer verliebt. Bei mir war es eine Herzensangelegenheit. Aber in meinen Romanen nicht. Allerdings habe ich in den 50er Jahren auch Prostituierte aufgesucht. Das war damals noch ungefährlich, es gab kein AIDS und es waren nette junge Mädchen, Puerto-Ricanerinnen und auch Negerinnen.

Wie haben Sie Ihre verstorbene Frau Marianne Böhme kennengelernt?

Sie hatte auf der Buchmesse in Frankfurt 1978 „Die Nacht“ entdeckt und war so begeistert, dass sie mir einen Brief schrieb. Sie hätte das noch nie getan, aber sie müsse mich unbedingt kennenlernen. Dann trafen wir uns an der Nordsee in der Nähe von Cuxhaven in dem Badeort Duhnen. Dort haben wir nach drei Tagen beschlossen, einen Wettlauf zu machen. Dummerweise bin ich barfuss gelaufen und habe mir die Achillessehne gerissen. Ich kam ins Spital, wollte aber dort nicht operiert werden und bin nach Berlin zurück. Marianne begleitete mich, ich konnte ja nur an zwei Krücken gehen. Von da an blieben wir zusammen und haben geheiratet. Sie war ein wunderbarer Mensch.

In „Berlin ... Endstation“ sagt ein anderer jüdischer Emigrant zu Lesche über die Pläne, in Berlin ein Holocaust-Mahnmal zu bauen: Wozu brauchen die Deutschen ein Mahnmal? Ganz Deutschland ist ein Holocaust-Mahnmal.“

Das ist auch heute noch meine Meinung. Die Juden sagen, das Mahnmal ist nicht für die Juden, das Mahnmal ist für die Deutschen. Ich sage auch heute, ganz Deutschland ist ein Holocaust-Mahnmal.

Sind Sie der Ansicht, die Deutschen sollten sich eher um ihre Täter kümmern als sich mit den Opfern gemein zu machen?

Also, sie haben überhaupt wenig getan. Die ganzen Prozesse, der Auschwitz-Prozess und die anderen, die waren ja alle lächerlich. Die wurden doch alle frei gesprochen oder erhielten ganz geringe Haftstrafen. Ja, sie sollen sich mit den Tätern auseinandersetzen, das ist sehr wichtig.

Schreiben Sie an einem neuen Roman?

Im Augenblick gar nichts. Ich mache eine große Pause. Ich weiß nicht, ob ich wieder etwas schreiben werde.

Demnächst erscheinen im Rahmen der 10-bändigen Werkausgabe bei Dittrich Ihre gesammelten Satiren?

Ja, „Zibulsky oder Antenne im Bauch“. Aber auch der Roman „Ruben Jablonsky“ sowie „Moskauer Orgasmus“, eine leichte Satire. Es ist eine Satire über Russen, Deutsche, Israelis und die Mafia.

Wo spielt das?

Das spielt teilweise in Moskau, in New York und auch in Israel.

Waren Sie in Moskau?

Ja, ich kenne die Stadt.

Sie lebten eine Zeit lang in Israel.

Ja. Nach dem Krieg bin ich als 18-jähriger nach Israel emigriert, weil es die einzige Möglichkeit war, um aus der UdSSR rauszukommen. Wir waren ja Ende 1944 von den Sowjets besetzt worden. Ich war zweieinhalb Jahre in Israel, habe mich dort aber nicht wohl gefühlt. Das war aber meine Schuld gewesen. ich habe mich nicht angepasst. Ich habe kein Hebräisch gelernt und weiter deutsch geschrieben. Die Israelis haben eine ganz andere Mentalität als wir europäischen Juden. Ich kam nicht zurecht mit denen.

In Frankreich waren Sie auch.

Ja, ungefähr drei Jahre in Lyon. Weil mein Vater bei Kriegsausbruch nach Frankreich geflüchtet ist und wir, meine Mutter, mein Bruder und ich, sind nach Rumänien, in die Bukowina gefahren. Mein Vater war in Deutschland geblieben, um sich um seine Eltern zu kümmern, die in Leipzig gewohnt hatten und ist dann über die Grenze nach Frankreich geflüchtet und dort untergetaucht. Als die Deutschen nach Paris kamen, ist er nach Südfrankreich geflüchtet und hat dort von einem Bürgermeister falsche Papiere bekommen und hat unter christlichem Namen überlebt. Nach dem Krieg haben wir uns alle in Lyon getroffen.

In Frankreich zu bleiben, kam für Sie nicht in Frage?

Meine Eltern wollten unbedingt nach Amerika. Die ganze Familie von meinem Vater war schon drüben, die Brüder und Schwestern. Er wollte unbedingt weg und da bin ich auch mitgefahren.

Sie haben die meisten Zeit in New York, Manhattan gelebt?

Ich bin auch rumgereist, war in Kalifornien und Vermont, aber meistens in New York City, auf der West Side in Manhattan.

Wo haben Sie dort gewohnt?

An verschiedenen Orten, in der 96., 85. und 79. Straße, aber auch in Washington Heights, dem alten deutsch-jüdischen Viertel in New York in Uptown Manhattan.

Sie leben seit vielen Jahren in Friedenau, wo auch viele bekannte Kollegen von Ihnen gewohnt haben: Uwe Johnson ...

Günter Grass ...

Ja, SS-Günter Grass, da ist mir Uwe Johnson viel näher. Haben Sie den kennengelernt?

Ich habe ihn mal getroffen, im Goethe-Institut in New York und ganz kurz mit ihm gesprochen. Er ist ja leider sehr jung gestorben.

Zur Zeit wird Hannah Arendts 100. Geburtstag gefeiert ...

Ja, das habe ich im Fernsehen gesehen.

Ich finde, dass es zwischen Ihnen und Hannah Arendt Berührungspunkte gibt in der Auffassung und Beschreibung des Genozids. Die genaue Beobachtung, die pathosfreie und realistische Schilderung und das autonome Denken, ohne vorgegebenen Mustern zu folgen. Sehen Sie da auch Parallelen?

Ich habe einmal telefoniert mit ihr als ich noch in New York war. Sie hatte meine „Nacht“ gelesen. Allerdings weiß ich nicht mehr, was sie mir dazu sagte. Schade, dass sie bereits mit 69 Jahren gestorben ist.

Sie starb nur wenige Jahre nach ihrem Mann Heinrich Blücher. Haben Sie das Eichmann-Buch über die Banalität des Bösen gelesen?

Ja.

Ich frage, weil in der von Ihnen autorisierten Biografie, die Helmut Braun dieses Jahr im Dittrich Verlag veröffentlicht hat, ein Brief von einem Prof. Graubard vom Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern über die „Nacht“ zitiert wird: „ ... das Buch ist beschämend, erschreckend. Ich fürchte, dass es aus dem Geiste der gutmeinenden aber nichts verstehenden Hannah Arendt geboren ist.“
Ihr Buch bekam ja überwiegend gute Kritiken und trotzdem hat der Kindler Verlag es nicht wieder aufgelegt. Haben Sie jemals die Beweggründe erfahren?

Nein. Kindler hat sich einmal geäußert in einem Zeitungsartikel und behauptet, er wäre mein Entdecker und er hätte alles getan für das Buch. Aber das stimmt nicht. Es ist regelrecht unterdrückt worden.

Der Verlag hat Sie auch nicht darüber informiert, dass die Auflage nur sehr klein und bereits vergriffen war?

Das komische war, dass Kindler einen begeisterten Brief des Kritikers Peter Jokostra zu meinem Roman „Nacht“ als Anzeige im Börsenblatt des Buchhandels veröffentlichte. Kindler wollte, dass ich noch ein zweites Buch für seinen Verlag schreibe, weil er dachte, der kann schreiben, aber er soll etwas anderes schreiben. Er lud mich zum Essen ein und versuchte mich zu überreden. Aber ich habe mir gedacht, ich mache nie wieder etwas für Kindler.

Wieso sind Sie nach der erfolgreichen Veröffentlichung des Romans „Der Nazi und der Friseur“ 1977 beim Kölner Verlag von Helmut Braun nicht dort geblieben?

Braun ist 1978 pleite gegangen. Mein Buch war sehr erfolgreich, aber er hat viele unbekannte Autoren veröffentlicht und konnte Kredite nicht zurückzahlen. Braun hatte mich über K.P. Herbach, dem Pressereferenten von der Akademie der Künste 1976 kennengelernt und mich praktisch in der Bundesrepublik durchgesetzt. Der ist mit dem Buch persönlich zum „Spiegel“ gegangen und hat die gebeten, es zu rezensieren. Fritz Rumler hat im Spiegel eine große Rezension geschrieben und das hat das Ganze in Schwung gebracht. Der „Stern“ hat nachgezogen, Heinrich Böll in der „Zeit“ ...

Sie waren dann bei verschiedenen Verlagen?

Ja, ich war bei Langen-Müller, leider. Das war kein guter Verlag für mich. Aber die zahlten 150.000 DM als Vorauszahlung, was damals ein Vermögen war. Später bin ich dann zu Claassen und dann zu Pieper. Claassen war auch ein Reinfall. Die haben den Zibulsky gedruckt, allerdings in einer Miniauflage und früh verramscht. Das hing mit einem Streit zwischen zwei Lektoren zusammen. Klaus Antes war der Cheflektor und Bruno Kehrein war mein Lektor. Beide lagen im Streit miteinander und Antes setzte durch, dass für mein Buch keine Werbung gemacht wurde.

In „Berlin ... Endstation“ beschreiben sie eine junge und hübsche armenische Buchhändlerin, die in einer Buchhandlung in der Hauptstraße in Schöneberg arbeitet ...

Alles Fiktion.

Und haben Sie wie Lesche in 70er Jahren Erzählungen für den „Tagesspiegel“ geschrieben?

Nein, das ist auch eine Erfindung. Ich habe mal für die „Zeit“ Rezensionen geschrieben und ich glaube auch einmal für den „Tagesspiegel“.

Und haben Sie wie Lesche vom Senat ein Stipendium erhalten?

Ja, dafür hat sich Ingeborg Drewitz eingesetzt. Aber Lesches Verhältnis mit Mutter und Tochter ist frei erfunden.

Das ist interessant, dass Sie diese pikante Stelle erwähnen. Wie kommen Sie auf solche Konstruktionen?

Na, ich habe schon Mutter und Tochter kennengelernt und in Gedanken mit beiden geschlafen, aber eben nicht in Wirklichkeit.

Können Sie sich daran erinnern, wann Ihnen zum ersten mal bewusst wurde, dass Sie Jude sind?

In der Schule. Weil ich das einzige jüdische Kind in der Klasse war und gehänselt wurde von den Mitschülern und Lehrern. Da wusste ich bereits mit 6 oder 7 Jahren, dass ich Jude bin.

Haben Sie im Nachkriegsdeutschland wieder Probleme mit Antisemitismus gehabt?

Ich hörte von anderen darüber. Aber ich selber hatte keine Probleme.

Volker Dittrich sprach davon, dass Ihre Lesung mal von Nazis gestört worden wäre?

Ja, das waren Leute von der Wiking-Jugend, die mit den Fäusten auf die Tische trommelten und mich beleidigten. Aber es ist nichts weiter passiert. Ich habe satirische Artikel darüber für die „Zeit“ und den „Spiegel“ geschrieben. Darin frage ich die Nazis, ob sie mich verprügeln wollten und ließ sie antworten, nicht jetzt, erst nach der Lesung.

In „Berlin ... Endstation“ kommt Lesche am Bahnhof Zoo an und verbringt seine erste Nacht bei einer türkischen Familie in Kreuzberg.

Fiktion.

Und später wohnt Lesche über die Zimmervermittlung der Jüdischen Gemeinde bei einer zum Judentum konvertierten Frau zur Untermiete, die ihm dann erzählt, dass sie früher Nazi gewesen wäre.

Ja. das stimmt. Die Frau hieß in Wirklichkeit jedoch nicht Lehrscher sondern Lehrer. Sie lief mit einem großen Davidstern rum. Die muss bereits längst tot sein, denn sie war bereits damals vor 30 Jahren 86. Die Wohnung befand sich in der Trautenaustraße.

Bevor sie an einem Roman zu schreiben beginnen, machen sie sich eine Skizze von der Handlung?

Bei „Der Nazi und der Friseur“ hatte ich ein Exposé geschrieben. Für meinen Roman „Das Märchen vom letzten Gedanken“ über den Genozid an den Armeniern musste ich umfangreiche Recherchen und Quellenstudien betreiben und dafür wie Lesche in „Berlin ... Endstation“ nach San Francisco reisen. Aber bei allen anderen habe ich einfach drauflosgeschrieben.

Lesche wird gefragt, ob man mit Humor über ein Getto schreiben könne und Lesche antwortet: „Ich kann es.“ Das sagt auch Edgar Hilsenrath?

Ja, das stimmt.

Fragt man Sie nach bemerkenswerter Gegenwartsliteratur, was fällt Ihnen dann ein?

Also das einzige Buch, das mir jetzt einfällt ist „Das Parfüm“ von Süßkind.

Herr Hilsenrath, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

Das Interview wurde geführt am 17.Oktober 2006 in dessen Wohnung in Friedenau.

 

Autor: Matthias Reichelt