Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945 – von Wigbert Benz

Benz, Wigbert: Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945. Berlin 2005.

Benz, Wigbert: Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945. Berlin 2005.Die Vergangenheit des Bestsellerautors zum „Unternehmen Barbarossa“ Paul Carell als Ribbentrops Pressechef hat erstmals in den 80er Jahren Peter Longerich in seiner Dissertation zur Presseabteilung des Auswärtigen Amtes analysiert, die 1987 unter dem Titel „Propagandisten im Krieg“ als Buch erschien. Bei Longerich erfährt man allerdings nichts über die Holocaust PR Schmidts vom Mai 1944 und dessen Identität als „Nachkriegschronist“ des „Unternehmens Barbarossa“ wird nur in einer Fußnote auf S. 154 erwähnt. Demgegenüber prangert der Publizist Otto Köhler Schmidts propagandistische Initiative zum Judenmord in seinen Büchern „Wir Schreibmaschinentäter“ bzw. „Unheimliche Publizisten“ skandalisierend an. Doch von einer Erörterung dieser Dokumente im historischen Zusammenhang kann bei Köhler keine Rede sein; zudem schmälern sachliche Fehler seine Enthüllungen. Diesen Defizite in historischer Erörterung und publizistischer Darstellung wirkte der Geschichtslehrer und Historiker Wigbert Benz in Beiträgen für verschiedene Fachzeitschriften, u.a. mit einer Dokumentation und Analyse der Schmidt belastenden Nürnberger Dokumente NG 2424 und NG 2260 im Heft 22/2004 des „Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung“, entgegen.

Nun legt Benz eine Studie zu zentralen Wirkungs- und Handlungsfeldern Schmidt-Carells von den 30ern bis in die 90er Jahre vor. Danach gelang keinem anderen Karrieristen im NS-Regime in so jungen Jahren, was Schmidt mit noch nicht einmal 29 Jahren erreichte: Leiter der Nachrichten- und Presseabteilung des Auswärtigen Amtes mit dem Titel eines Gesandten I. Klasse, also eines Ministerialdirigenten. Zeitgleich erklomm dieser den Rang eines SS-Obersturmbannführers, bei der Wehrmacht einem Oberstleutnant vergleichbar. Scheinbar bruchlos konnte er nach dem Krieg seine Karriere fortsetzen – bei der „Zeit“, dem „Spiegel“, der „Welt“, um nur drei Presseorgane, für die er unter verschiedenen Pseudonymen oder namenlos schrieb, zu nennen. Benz analysiert die Laufbahn Schmidts vom NS-Studentenfunktionär über seine vorwiegend der Auslandspropaganda gewidmete Tätigkeit als Pressechef Ribbentrops bis zu seinem publizistischen Einfluss als politischer Journalist, Bestsellerautor und enger Berater sowie Sicherheitschef Axel Springers, der er bis zum Tod des Verlegers 1985 war. So einmalig die Blitzkarriere Schmidts im Auswärtigen Amt gewesen ist, steht ihr Protagonist doch beispielhaft für eine junge NS-Elite, die ideologische „Festigkeit“ und flexibles Handeln als miteinander zu verbindende Kompetenzen verstand, die über ihre Karrierestationen hindurch ein Netzwerk an tragfähigen Beziehungen entwickelte, das sich auch nach 1945 in die Schaltstellen der politisch-publizistischen Einflussnahme transformieren ließ. Für dieses Netzwerk nennt der Autor folgende Beispiele:

  • Die Abteilungsleiterkollegen im Auswärtigen Amt Paul Karl Schmidt (Presseabteilung) und Franz Alfred Six (Kulturpolitische Abteilung), der nur zwei Jahre ältere „junge Mann Heydrichs“ (Lutz Hachmeister), zählten in den fünfziger Jahren zum publizistischen Umfeld des „Spiegel“.
  • Der wichtigste Mitarbeiter dieses Franz Alfred Six, Horst Mahnke, avancierte zunächst zum Ressortchef beim „Spiegel“ und ermöglichte später als Chefredakteur der Springer-Zeitschrift „Kristall“ Schmidt alias Paul Carell den Serienabdruck seines „Unternehmens Barbarossa“.
  • Schließlich zeigt sich die Belastbarkeit der aus dem Auswärtigen Amt entwickelten personellen Konstellationen, wenn Schmidt 1942 den stellvertretenden Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt, Kurt Georg Kiesinger, in Sachen antiamerikanische Auslandspropaganda berät und Ende der sechziger Jahre dem Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger vorschlägt, Axel Springer als Sonderbotschafter der UNO nach New York zu schicken.

Benz weist nach, dass Schmidt unter Pseudonymen als politischer Journalist u.a. 1954 in der ZEIT zu den Ursachen beider Weltkriege schrieb, im SPIEGEL schon am 16. Januar 1957, also fast drei Jahre vor der von Fritz Tobias verfassten Serie zum Reichstagsbrand, in einem eigenen Artikel zum Reichstagsbrandprozess die Alleintäterschaft van der Lubbes behauptete und 1979 eine Art Präventivkriegsbereitschaft für die Bundeswehr in Springers WELT forderte.

Wenn es sein musste, zeigte sich Schmidt mehr als wendig. Benz vertritt die These, dass Paul Karl Schmidt als moderner NS-Ideologe und Pragmatiker geradezu seine größte Herausforderung darin sah, das scheinbar Unvereinbare möglich zu machen. Sein integrativer auslandspropagandistischer Kurs gegenüber einigen west- und mitteleuropäischen Ländern mit dem Slogan der Bildung einer „Europäischen Union“ stellte für Schmidt kein Widerspruch, sondern die Entsprechung der eigenen propagandistischen Leitlinie zur Beseitigung des Bolschewismus und Judentums 1941 dar. Nach dem Krieg verspottete er Propagandaexperten des Goebbels-Ministeriums wie Eberhard Taubert als unbelehrbare auf dem geistigen Stand von 1945 zurückgebliebene Betonköpfe.

Schon 1947 im sog. Nürnberger Wilhelmstraßenprozess schaffte Schmidt, der am 27. Mai 1944 in einer Notiz für Herrn Staatssekretär gefordert hatte, jüdischen Synagogen in Budapest „Sprengstofffunde“ unterschieben, um die Deportation der Juden rechtfertigen zu können, die Wende vom Anzuklagenden zum Zeugen der Anklage. Es ist fast schon spannend zu lesen, wie Benz anhand der unveröffentlichten amerikanischen Vernehmungsprotokolle, die im Zeugenschrifttum des Münchner Instituts für Zeitgeschichte enthalten sind, diese Wendung nachzeichnet. Schließlich wurde noch in der „Interrogation No. 3019“ vom 28.7.1947, die der stellvertretende US-Hauptankläger Robert Kempner selbst durchführte, Schmidt von Kempner persönlich seine propagandistische Aktion zum Judenmord vorgehalten. Es gelingt dem Autor mit diesen und anderen aussagekräftigen Dokumenten aus verschiedenen Archiven das Wirken Schmidt-Carells und dessen Rezeption quellengestützt zu analysieren. So kann er vermeintliche Ambivalenzen in dessen Biografie klären. Dazu gehört auch der Umstand, dass zeitgleich zu Schmidts Erfolg als Bestsellerautor des „Unternehmens Barbarossa“ die Staatsanwaltschaft Verden von 1965 bis 1971 ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes aufgrund seiner propagandistischen Vorschläge zum Judenmord 1944 gegen ihn durchführte. Diese erst im August 2003 in den Beständen der ehemaligen Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen, der heutigen Außenstelle des Bundesarchivs Ludwigsburg, vom Autor aufgefundene bzw. vorher unbeachtet gebliebene Akte bildet u.a. neben den entsprechenden SS- und Nürnberger Dokumenten eine weitere Quellengrundlage der Studie. Leider fehlen im Literaturverzeichnis die Bücher Kurt Zentners, Anfang der 40er Jahre Autor der unter Schmidts Einfluss stehende NS-Auslandsillustrierten „Signal“ (S. 26-31) und nach Carell zweitwichtigster Weltkriegspublizist in den 60er Jahren; sie sind nur in den Fußnoten aufgeführt. Eine sinnvolle Ergänzung für dieses sorgfältig dokumentierte, analytisch überzeugende und zugleich gut lesbare, ja spannend geschriebene Buch wäre ein Personenverzeichnis gewesen, das die Netzwerke Schmidt-Carells im Nationalsozialismus und danach namentlich listet.

Autor: Gregor Koch

 

Benz, Wigbert: Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945. wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2005. ISBN 3-86573-068-X. 112 S. 16,80 €