Jupp Weiss aus Flamersheim, der Judenälteste von Bergen-Belsen

Aus den Annalen des 2. Weltkrieges – insbesondere der Konzentrationslager – treten nur vereinzelt jüdische Funktionäre hervor, die von den Nazis selbst ernannt wurden und während ihrer „Amtszeit” und auch später nach 1945 einen positiven Eindruck hinterließen und allerseits allgemeine Anerkennung erhielten. Einer dieser wenigen war der in Flamersheim geborene Jupp Weiss”, der am 12. September 1976 in Israel verstarb und als „Judenältester von Bergen-Belsen” seinen Platz in einer JUDAICA gefunden hat. Der Nachruf würdigte ihn als einen Mann, „der würdig blieb in einer unwürdigen Umgebung” 0). Das sogenannte „Aufenthaltslager” Bergen-Belsen, das am 15. April 1945 von den englischen Truppen befreit wurde – vier Tage nach der Übernahme des nur teilweise geräumten KZ Buchenwald durch die Amerikaner – bot in diesen Tagen einen grauenhaften Eindruck, wie er auch von den vielen Fotos nicht wiedergegeben werden kann. Überall im Lager befanden sich Leichenstapel verschiedener Höhe. In den einzelnen Lagerabteilungen lagen menschliche Körper herum. Die Gräben der Kanalisation waren mit Leichen gefüllt, und in den Baracken selbst lagen zahllose Tote, manche zusammen mit den Lebenden auf einer einzigen Bettstelle … 1) Daß in einem solchen Inferno ein Voreifeler Jude zum Vorbild und zur Hoffnung vieler Menschen werden konnte, wird wahrscheinlich immer bewundernswert bleiben!

Albert und Mathilde Weiss, die Eltern von „Jupp"

Albert und Mathilde Weiss, die Eltern von „Jupp”

Die Familie Weiss ist heute noch den meisten alten Flamersheimern in guter Erinnerung. Die miteinander verwandten Familien Weiss spielten nicht nur im Leben der Synagogengemeinde, sondern auch im gesellschaftlichen Bereich des „Judendorfes” eine sehr integre Rolle.

Bis mindestens 1700 ist das Geschlecht nachweisbar. Damals lebten die Ahnen in Holland (Limburg und Noord-Brabant). Der Stammvater Gottschalk ben Abraham Wolf (1742-1835) änderte seinen Namen in Wolf, später Wolfgang Weiss um. Sein Sohn Joseph (geb. 1796) wohnte anfangs auch in Limburg (Beek), später in Kempten. Seither lebten die Angehörigen im Rheinland. Im Jahre 1828 heiratete er in Kirchheim Regina Wolff. Dort wurde auch sein Sohn Jacob geboren, der Großvater des später so berühmten „Jupp Weiss”.

Der 1854 in Kirchheim geborene Albert Weiss war es, der die Familie nach Flamersheim brachte. Hier heiratete er Mathilde (Amalia) Michel aus Seibersbach und pflegte zudem mit seinen vielen Geschwistern ein inniges Familienleben. Auch die neun Kinder der Ehe Albert/ Amalia Weiss vertieften dieses Verhältnis, so daß es kein Wunder war, daß der am 16. Mai 1893 geborene Joseph (,Jupp”) immer ein Familienzentrum war.

Der jüngste Sohn besuchte in Flamersheim die Volksschule und machte danach eine Lehre. Da die Eltern es schwer hatten, die neun Kinder durchzubringen, schickten sie Joseph nach Köln. Hier besaßen die drei Brüder seiner Mutter – Moritz, Hermann und Heinrich – das renommierte Kaufhaus Michel & Co. Im 1. Weltkrieg zeichnete sich der Flamersheimer als Frontkämpfer aus, wurde Feldwebel und erhielt das E.K. II. Nach dem Kriege ging er zu seinen Verwandten zurück und wurde bei der Firma Michel Personalchef. In dieser Zeit begeisterte er sich für den Zionismus und Palästina, ein Land, das er erst 1947 nach vielen qualvollen Jahren erreichen sollte.

Ohne philologische Ausbildung studierte der Autodidakt deutsche und auch jüdisch-religiöse Literatur. Die Eindrücke des 1. Weltkrieges konnte er nie verwinden, und in der allgemeinen und jüdischen Geschichte, der Philosophie und auch in den klassischen Romanen fand der aus orthodoxem Hause stammende Voreifeler Parallelen und leitbildhafte Anregungen. 1922 heiratete er Erna Falk aus Krefeld, die im Rheinland als Opernsängerin einen guten Namen hatte. 1924 wurde Wolfgang Weiss, 1928 Klaus-Albert (heute: Aharon Zachor) geboren.

Das Geburtshaus von „Jupp“ Weiss in Flamersheim

Das Geburtshaus von „Jupp“ Weiss in Flamersheim

Der Nationalsozialismus machte sich in Köln in seiner Brutalität eher als in der heimatlichen Voreifel bemerkbar. Während sein Bruder Arthur Weiss in Flamersheim noch unbehelligt Vorsteher der Synagogengemeinde war, wurde Jupp” bereits 1933 verhaftet. Verwandte schmuggelten seine Frau und die zwei Söhne über die Grenze in die Niederlande, die in den Jahren darauf der sichere Iiafen vieler jüdischer Flüchtlinge wurden. Nach der Haftentlassung im Sommer 1933 konnte Joseph Weiss seiner Familie folgen, und tatkräftig gründete er mit seinem Vetter eine Fabrik für Ledermodenwaren, die bald florierte, aber nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Niederlande abgetreten werden mußte. Während des Aufenthaltes im Ausland widmete er sich dem N.Z.B. – dem niederländischen Zionisten-Bund -, wurde Leiter der Jugendabteilung und später auch Vorsitzender in Hilversum. Große Verdienste erwarb er sich in den Jahren 1938/39, als er Tage und Nächte an der Grenze verbrachte, um jüdische Kinder aus Deutschland über die Grenze zu schmuggeln. Zur selben Zeit wurde das Haus Weiss zum Durchgangslager für die aus dem Deutschen Reich flüchtenden Verwandten, die von hier aus ihre Auswanderung nach Amerika, England und Palästina betrieben. Als Joseph Weiss mit seiner Familie selber ins „gelobte Land” emigrieren wollte, war es zu spät! Am 10. Mai 1940 fielen die deutschen Truppen in die Niederlande ein, und nun war auch das Leben der hierin geflüchteten Juden gefährdet.

1939 ging der älteste Sohn Wolfgang zu einer Landwirtschaftsschule und tauchte nach dem deutschen Einmarsch unter. Am 27. Januar 1942 sandte der „Joodsche Raad” von Amsterdam an ,Jupp” Weiss folgendes Schreiben, das das Leben der Familie völlig verändern sollte:

„ … Die deutschen Behörden haben uns befohlen, ihnen mitzuteilen, daß am Mittwoch, dem 29.1. 1942, morgens zwischen 8 bis 10.30 Uhr, die Polizei zu Ihnen nach Hause kommen wird, mit dem Befehl, daß Sie die Wohnung verlassen und ihr die Schlüssel aushändigen.
Mit dem Zug, der um 12.55 Uhr von Amsterdam abgeht und in Hilversum hält, müssen Sie mit Ihrer Familie zum Lager Westerbork fahren und dort bleiben. Handbagage dürfen Sie mitnehmen, soviel Sie tragen können. Eine Liste des Inhaltes müssen Sie der Polizei übergeben, wenn diese zu ihnen kommt. Bettzeug, Decken, Handtücher und Unterwäsche müssen Sie mitnehmen. Ihren Besitz dürfen Sie weder verkaufen, noch an andere übertragen. Eine Liste von den Geschäften und Betrieben, welche denen gehören, die nach Westerbork kommen, werden den deutschen Behörden zur Verfügung gestellt.
Die deutschen Behörden warnen, da die Namen derer, die diesem Befehl nicht nachkommen, in der Polizeizeitung veröffentlicht werden und gegen sie Schutzhaftantrag befohlen wird.
Die Vorsitzenden
gez. A. Asscher gez. Prof. Dr. D. Cohen“ 2)

Inzwischen waren die Juden in den Niederlanden aus dem normalen gesellschaftlichen Leben herausgedrängt und in die völlige Isolation gezwungen worden. Besondere Ausweise und Maßnahmen, Ausfälle und Schikanen schränkten ihre Bewegungsfreiheit ein. Als letzte Stationen ihres Aufenthaltes in den Niederlanden wurden jetzt die Durchgangslager Vught (Brabant) und Westerbork (Drente) errichtet. Von hier aus sollten von Juli 1942 bis Juli 1943 mehr als hundertzehntausend Männer, Frauen und Kinder nach Sobibor und Auschwitz überführt werden. Ende Januar, Anfang Februar 1942 begann die Ausrottung der Juden: bürokratisch organisiert, peinlich korrekt mit Heftern, Listen, graphischen Schaubildern und Statistiken. Am 1. Februar 1942 befahl SS-Polizeichef Rauter, man solle die Juden in Arbeitslagern zusammenfassen. Dies war aber nur eine für die niederländische Öffentlichkeit bestimmte Tarnung. In Wirklichkeit ließen sich die Juden so leichter vereinnahmen, denn immer noch gab es Juden, die einfach nicht glauben konnten, daß man ihre Vernichtung plante 3).

Die Eltern, Joseph und Erna Weiss, und der damals noch nicht 14jährige Sohn Klaus-Albert gehörten wohl zu den ersten Juden, die in Westerhork inhaftiert wurden. Immerhin war es mal ein Lager für jüdische Flüchtlinge gewesen, während es jetzt als Sammelstation für die Gaskammern in Auschwitz angesehen werden mußte, wohin in der zweiten Hälfte des Juli 1942 der erste, 5742 Menschen umfassende Transport abging 4). Der Flamersheimer bekam sofort eine leitende Stellung in der jüdischen Selbstverwaltung. Auch mit der Leitung der Jugendbaracke wurde er betraut. Überall predigte er das Judentum und die Aufgabe des Zionismus. Jeder ankommende Transport wurde von Jupp Weiss empfangen. Später stand er bei jedem abgehenden Transport nach Osten am Zuggleis. Was nützte das letzte tröstende Wort, wenn er dabei ohnmächtig vor Wut und Trauer war. Viele Deportierte waren ihm persönlich bekannt. Bekannt war ihm u. a. Helene Rolef, geb. Herz, die am 4. Dezember 1943 in Westerhork verstarb. Selbst Rieka Weiss aus Flamersheim, eine nahe Verwandte, konnte später nicht aus dem Transport nach Theresienstadt herausgeholt werden. Jupp Weiss wußte genau, daß es für beinahe alle die letzte Reise war. Dennoch half er den Kranken und Gebrechlichen heim Einsteigen und konnte gelegentlich Ess- und Trinkbares in die Eisenbahnwagen schmuggeln. Der jüngste Sohn, Klaus-Albert, war fast immer dabei. Es ist begreiflich, daß diese schreckliche Zeit den aufmerksamen Jugendlichen prägte!

Inzwischen hatte Himmler bei Eichmann angeordnet, ein neues Konzentrationslager bauen zu lassen, um die vielen mit ausländischen – oft unechten – Pässen versehenen Juden der Niederlande unterzubringen. So entstand ein sogenanntes „Aufenthaltslager”(!) in Bergen-Belsen, und 305 Juden wurden am 15. September 1943 hier untergebracht. Sie kamen in Eisenbahnwagen an, die man vom Todeszug Westerbork-Auschwitz abgekoppelt hatte. 3000 Juden waren damals bereits in Bergen-Belsen, und in den nächsten 12 Monaten folgten ihnen aus Holland allein weitere 3750. Reitlinger 5) meint, daß von Anfang an die Absichten, die man mit Bergen-Belsen hatte, verworren und unbestimmt waren. Am 9. September 1943 schrieb das Eichmann-Amt, daß man hauptsächlich „Austauschjuden” hier unterbringen wolle, also Juden mit Verwandten in Palästina oder Besitzer mit ominösen Pässen aus Honduras und Paraguay. Aber ganz andere Kategorien kamen mit den 1037 Juden ins Lager, die am 11. Januar 1944 aus Westerbork anlangten. Hier waren Diamantschleifer, Träger des deutschen Eisernen Kreuzes und deren Familien, Halbjuden, die der holländischen Bekenntniskirche angehörten – und sogar Trotzkis Neffe 6).

Zu diesem Transport vom 11. Januar 1944 gehörte auch Jupp Weiss mit seiner Familie. Anfang 1944 waren nur Eingeweihte über den Zweck dieses Lagers informiert, zumal die Bezeichnungen „Transitlager” oder „Erholungslager” wie auch „Austauschlager” andere Assoziationen weckten. Im letzten Kriegsjahr jedoch wußten alle Juden in Bergen-Belsen, die immerhin im Herzen des Deutschen Reiches festgehalten wurden, über die Selektionen in Auschwitz Bescheid. Dies bestätigte später der berüchtigte SS-0bersturmbannführer Rudolf Höss, der Kommandant von Auschwitz und später Inspekteur der Vernichtungslager war.

Nach Jupp Weiss gab es nur noch wenige Juden in Westerbork. Am 2. März 1944 schrieb Hans Albin Rauter, SS- und Polizeiführer in den Niederlanden, an Himmler, daß in den nächsten 10 Tagen die letzten „Volljuden” aus dem Lager Westerbork nach dem Osten abtransportiert würden. Tatsächlich gingen von nun an vereinzelte Deportationszüge aus Holland nur nach Theresienstadt, Bergen-Belsen und Ravensbrück. Nur noch 8610 in Mischehen lebende Volljuden verblieben in Holland 7).

Das Lager Bergen-Belsen, in dem Jupp Weiss bald an führender Stelle unter großen Mühen die jüdischen Belange zu vertreten versuchte, bestand aus einer Reihe von Lagerabteilungen, die streng voneinander isoliert und durch Stacheldrahtzäune gegeneinander abgegrenzt waren, damit die Bewohner der verschiedenen Abteilungen nicht miteinander in Kontakt treten konnten. Jedes dieser „Lager innerhalb des Lagers” besaß seinen eigenen Judenältesten” (eine kümmerliche Form der Selbstverwaltung) und eine eigene Lagerordnung, die das Leben im jeweiligen Lagerteil regelte und dessen Sondercharakter festlegte. Der eigentliche Kern des sogenannten „Aufenthaltslagers”, das zahlenmäßig stärkste der einzelnen Teillager, war das „Sternlager”, gelegentlich auch „Allgemeines Lager” genannt. Den Namen „Sternlager” verdankte es der Tatsache, daß die Insassen dieses Lagerabschnittes – im Gegensatz zu denen der anderen Abteilungen – an ihrer Kleidung den Judenstern tragen mußten 8).

In dem 10köpfigen Ältestenrat des großen „Sternlagers” wurde Jupp Weiss bald stellvertretender Vorsitzender, „da er perfekt deutsch sprach und daher die Verhandlung mit den Funktionären der SS-Kommandantur am besten führen konnte … Als ‘wirtschaftlich wertvoller Jude’ war er am 11. Januar 1944 nach Bergen-Belsen gekommen.“ 9)

Kein Buch kann wohl eindringlicher und genauso wissenschaftlich Bergen-Belsen analysieren wie das von Eberhard Kolb. Dieser faßt in „Bergen-Belsen” – Geschichte des ,Aufenthaltslagers” die Stellung von Jupp Weiss folgendermaßen zusammen:

„Weiss hat die gewiß nicht leichte Tätigkeit des stellvertretenden Judenältesten zur allgemeinen Zufriedenheit der Lagerinsassen ausgeübt … und sich um die Insassen des Sternlagers außerordentlich verdient gemacht!” 10)

Während in Bergen-Belsen im Juli etwa 7000 Insassen hinter Stacheldraht waren, stieg die Zahl Ende des Jahres 1944 bis auf 15000. Da inzwischen andere Vernichtungslager – wie zum Beispiel Auschwitz – aufgelöst worden waren, stieg die Zahl der Häftlinge bis auf über 41 000 im März 1945. Schon aus dieser lawinenartig gewachsenen Zahl kann man entnehmen, unter welchen katastrophalen Umständen hier Menschen zusammengepfercht und zu Tode getrieben wurden. So muß man über die Tätigkeit von Jupp Weiss in diesem Inferno berichten.

In dem Sternlager von Bergen-Belsen gab es 18 Baracken (später waren es weniger, weil die Bewohner immer enger zusammengepfercht wurden). Frauen- und Männerbaracken waren durch einen Zaun voneinander getrennt, die Familien konnten sich aber den Tag über sehen und auch gemeinsam die Mahlzeiten einnehmen. Erst am Abend schloß ein SS-Mann das Tor zwischen den Frauen- und Männerbaracken 11).

Jupp Weiss und sein inzwischen 16jähriger Sohn Klaus-Albert waren in der gleichen Baracke untergebracht und hatten täglich Kontakt mit Erna Weiss, der aufopferungsbereiten Mutter und Ehefrau, die erst abends von ihnen getrennt wurde. Da Klaus-Albert als Schreiner eingesetzt war, konnte er sich öfters eine Zusatzration organisieren und seine täglich nur 3 cm dicke Brotscheibe den Eltern geben. Voller Bewunderung spricht er heute von seinem 1976 in Israel verstorbenen Vater, der kurz nach seiner Ankunft in Bergen-Belsen von der holländischen Gruppe im wahren Sinne des Wortes „gewählt” wurde und sich so auszeichnete, daß er später der Judenälteste von Bergen-Belsen wurde. Was den aufmerksamen Sohn faszinierte, war die Tatsache, daß sein Vater der einzige Jude war, der von den Nazis mit „Herr” Weiss angeredet wurde. Auch wurde er nie geduzt. Das Charisma von Jupp Weiss wird von seinem Sohn heute folgendermaßen beschrieben:

Sogar die Nazis akzeptierten ihn, ja, sie respektierten ihn sogar! … Es gab einen Verbrecher mit Namen Lübbe, der früher einmal Lehrer war. Ich entsinne mich seiner Frage: Was ist der Unterschied zwischen Jehovah’ und Jahveh’ (im Hebräischen die vier heiligen Buchstaben des Namens Gottes,YOD-HÉ-VAV-HÉ“ [YHVH] kann man beiderweise aussprechen. – Es ist eine Kombination des Verbes ,sein’, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, also ‘ewig sein’. Daher der Ausdruck ‘Der Ewige’).
Also, da saßen der Jude Weiss, Repräsentant des alten Volkes und der Nazi Lübbe, Judenausrotter im Namen des Herrenvolkes, und philosophierten über Gott. Jeder über seinen Gott. Zum Schluß sagte Lübbe: ‘Herr Weiss, ich habe schon lange nicht mehr eine so interessante Diskussion geführt.’ – Ich wollte meinen Ohren nicht trauen.
Eines Tages wurde Vater beim Pfuschen der Appellzahlen erwischt. Als Strafe mußte er sich einem Außenkommando anschließen. Abends stand ich am Tor und wartete auf ihn. Wie immer waren dort der ‘rote’ Müller (wegen seiner Haar- und Gesichtsfarbe so genannt) und der schlimmste aller Verbrecher, der Arbeitsdienstführer Fritz Rau. Da kam die Gruppe in Fünferreihen anmarschiert, mein Vater wie ein General als Erster. Als sie durch das Tor kamen, fragte Müller: ‘Nun, Herr Weiss, wie war denn das?’ – Vater, mit erhobenem Kopf im Vorbeimarsch: ‘Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern …’
Er pfuschte in seiner Verwaltung auch in Zukunft mit den Appellzahlen herum, womit er zusätzliche Mahlzeiten für die Gefangenen ergattern konnte, die an die Kranken weitergereicht wurden.
Mein Vater wurde deswegen übrigens nie mehr bestraft.“ 792)
Als Hauptadministrator des gesamten Lagers Bergen-Belsen hatte er immer mit der SS zu verhandeln. Überlebende erinnern sich:
„Jupp Weiss war immer aufgeschlossen für das Leid seiner Mitbrüder. Manches Mal begleitete er einen Leidensgenossen bis zum Zaun, von wo aus der Weg zum Verbrennungsofen unvermeidbar war.
Ich denke an zahlreiche Appells auf dem staubigen Platz, im strömenden Regen oder im kalten Wind sowie brennender Sonne, wo sich die Leute des Lagers aufstellen mußten und gezählt wurden, als wenn ein Geizhals sein Geld zählt.
Jupp Weiss war nach außen hin unbewegt. So lief er manches Mal hinter dem Sturmmann oder dem Feldwebel her – mit dem Notizbuch in der Hand. Wie ein Sklave hinter seinem Herrn – aber nicht sklavisch! Immer würdig, aber niemals untertänig! Gezwungen wie ein Hund, hinter seinem Meister herzugehen, aber er lief immer vornehm und mit aufrechtem Haupt. Er reagierte nie auf schmierige Bemerkungen und lachte nie über die haßvollen Anspielungen. Er bewahrte immer Abstand, was für ihn selbstverständlich war.
Er wies auf die unhaltbaren Zustände und das Fehlen genügender sanitärer Anlagen hin. Er traute sich, um die fälligen Reparaturen zu bitten, obwohl seine lästigen Bitten immer wieder abgewiesen wurden. Er war mutig. Er unternahm vieles, ohne jedoch dabei waghalsig zu werden …
Zweifellos war er die herausragende Persönlichkeit des gesamten Lagers, besonders, nachdem sein Vorgänger in Ungnade gefallen war.
Ein Hauptkapo, eine kriminelle Figur aus dem angegliederten Häftlingslager, der über ihn gestellt wurde, beteiligte ihn an allen wichtigen Entscheidungen …” 13)

Der Arbeitszwang für alle Männer und Frauen über 15 Jahren war so hart, daß oft mehr als 80 Stunden pro Woche – manchmal sogar 18 Stunden am Tag – keine Seltenheit waren. Für die Insassen von Bergen-Belsen bedeutete der Kampf um eine Aufbesserung der zugeteilten täglichen Essensration das Problem und wurde in den letzten Monaten vor Kriegsende zum Hauptproblem. Seit Sommer 1944 verschlechterte sich die Verpflegung in Quantität und Qualität kontinuierlich, bis im Frühjahr 1945 der Hungertod an der Tagesordnung war 14).

Ein großer Gegner des Jupp Weiss war bis Dezember 1944 der Judenälteste Jacques Albala, der als korrupt galt und wenig Sympathien unter seinen Glaubensbrüdern hatte. Der Flamersheimer konnte die bis Dezember 1944 bestehenden Möglichkeiten des einflußreichen Ältestenrates am besten ausnutzen und im Rahmen seiner Befugnisse zugunsten der Lagerinsassen tätig werden. Da es für die erschöpften und hinfälligen Menschen eine Lebensfrage war, ob sie in einem leichten oder schweren Arbeitskommando arbeiten mußten, verhandelte der Ältestenrat mit der Lagerleitung und erreichte, daß einige neue Arbeitskommandos gebildet wurden, die als dringend erforderlich hingestellt wurden, aber in Wirklichkeit „leichte Arbeitskommandos” waren (Lagerreinigung, Lagerwache, Jugendbetreuung). In ihnen konnten daher einige hundert alte und erschöpfte Menschen untergebracht und einer vorzeitigen Entkräftung entzogen werden. Das positive Wirken des stellvertretenden Judenältesten Joseph Weiss wird in diesem Zusammenhang besonders von Eberhard Kolb gewürdigt 15).

Adolf Haas, Kommandant von Bergen-Belsen in den Jahren 1943/1944, war seit seiner Begegnung mit dem stellvertretenden Judenältesten dauernd dessen Klagen ausgesetzt. Im Sommer 1944 wurde im Lager eine Reihe neuer Baracken gebaut. Jupp Weiss wies den Kommandanten darauf hin, WC, Latrinen und Waschgelegenheiten zu bauen. Doch Haas lehnte das ab, obwohl sich ausreichend Material für diese Anlagen in den Depots befand und sogar noch bis Kriegsende lagerte. Durch das Fehlen sanitärer Anlagen wurde später die Ausbreitung der Epidemien begünstigt, was Weiss immer vorausgesehen hatte. Selbst die unbrauchbar gewordenen Wasserkräne ließ Adolf Haas nicht reparieren. Wenn auch dieser Kampf mit dem Lagerkommandanten nicht erfolgreich war, so wurde doch eine Schikane abgeschafft. Immer dann, wenn höhere SS- oder Wehrmachtsführer dem Lager einen Besuch abstatteten, wurde die Teilnehmerzahl der 40 Arbeitskommandos auf ein Drittel reduziert, so daß Jupp Weiss schnell herausfand, daß der Kommandant die diesbezüglichen Richtlinien für die Praktizierung des Arbeitszwangs sonst immer sehr schikanös ausgelegt hatte. Wahrscheinlich gab es danach gewisse Lockerungen, zumal Haas auch davon absah, zeitweise selbst 75-80jährige Greise arbeiten zu lassen 16).

Besonders schlimm für die in Bergen-Belsen Inhaftierten war der übliche Appell, der sich meistens stundenlang hinstreckte. Hierbei spielte Fritz Rau, von Beruf Steinmetz, etwa 30 Jahre alt, jetzt Arbeitsdienstführer, eine schlimme Rolle. Weiss bezeichnete ihn als „den größten Sadisten von allen SS-Leuten” und war der Meinung, daß von den vielen Sterbefällen im Sternlager mehr als 50 % indirekt von Rau verschuldet worden seien. Dieser Mann holte kranke Häftlinge, die von den Ärzten behandelt wurden, aus dem Krankenbau heraus und schickte sie zur Arbeit. Er bediente sich dabei der Hilfe der Blockführer Hamer und des bereits genannten Müller, die von den Lagerinsassen besonders gefürchtet wurden, weil sie die wüstesten Schläger waren. Von Rau stammte der Befehl, daß alle Kranken sich zum Morgenappell zu melden hätten, ohne Rücksicht auf Fieberhöhe und Witterung. Eberhard Kolb fand Beweise dafür, daß Jupp Weiss beim Lagerkommandanten gegen diese Anordnung protestierte, so daß dieser befahl, die Kranken sollten sich morgens vor dem Appell beim Arzt melden.

Bekannt geworden sind auch die Bemühungen des noch stellvertretenden Judenältesten, durch Aufstocken der Betten mehr Platz in die Baracken zu bekommen 17).

Am 1. Dezember 1944 traf Josef Kramer, der neue Kommandant von Bergen-Belsen ein. Seine ersten Maßnahmen bestanden darin, das „Aufenthaltslager” endgültig in ein Konzentrationslager umzuwandeln. Unter den 15 257 Insassen waren in Zukunft keine priviligierten Häftlinge mehr. Vier Baracken mußten geräumt werden, so daß in den anderen drangvolle Enge herrschte. Da keine weiteren Betten zur Verfügung gestellt wurden, mußten sich jeweils zwei Menschen in eines der 40 cm breiten Betten teilen. Am 22. Dezember fand dann die völlige Auflösung der spärlichen Formen einer jüdischen Selbstverwaltung im Sternlager statt. Eingeleitet wurde dieser Tag damit, daß Kramer für alle Juden – Männer, Frauen und Kinder, von denen zu dieser Zeit 50 % an Hungerödemen litten -, einen Tag Essensentzug befahl, ohne irgendeine Begründung für diese Maßnahme zu geben. Dann wurde die neue „Lagerordnung” verkündet: Der Judenälteste Albala wurde abgesetzt, der Ältestenrat aufgelöst, die Rechtskommission (Lagergericht) aufgehoben. Die Aufrechterhaltung der Ordnung im Lager wurde dem deutschen KZ-Häftling Walter Hanke anvertraut, der von nun an der 1. Lagerälteste des gesamten Lagers Bergen-Belsen war. Unter seiner Oberaufsicht konnte Jupp Weiss ab 22. Dezember 1944 seine Tätigkeit fortsetzen. Er war zunächst nur deshalb in seiner Funktion belassen worden, weil er den neuen Funktionären die Arbeit zeigen sollte. Dann fungierte er aber stillschweigend als Judenältester und erhielt sogar die Leitung der Administration aller Teillager von Bergen-Belsen übertragen, so daß der Flamersheimer mit einer Gruppe von Mitarbeitern die „innere Verwaltung” führte. Hanke ließ sich von Jupp Weiss in vielen Dingen beraten, und so konnte manches Unheil verhindert werden 18).

Die Aufgabe als Judenältester von Bergen-Belsen war in den letzten Monaten vor Kriegsende in jeder Hinsicht unlösbar. Die Sorge um das Leben, die Angst vor Krankheit und Seuchen, die Verbesserung der sanitären Bedürfnisse: das alles mußte physisch und psychisch zusetzen. Erstaunlich, wie sich dieser unbeugsame Voreifeler dem Schicksal stellte!

Als im Oktober 1944 die Selektionen in Auschwitz auf Befehl Himmlers eingestellt wurden, als man dort die Gaskammern demontierte und die Feuer der Krematorien löschte 19), wurden Zehntausende von Juden in den letzten Kriegsmonaten evakuiert. Diese grauenhaften Todesmärsche endeten auch in Bergen-Belsen, wo die noch Lebenden eine leichte Beute der Seuchen und der untragbaren hygienischen Verhältnisse wurden. Zu den Opfern gehörte auch Anne Frank. Weitere Transporte trafen aus Sachsenhausen, aus Buchenwald etc. ein. Im März 1945 war die Sterblichkeit im Lager Bergen-Belsen so unvorstellbar hoch – 18168 Menschen starben allein in diesem Monat -, daß sich trotz fortgesetzt einströmender Transporte die Lagerstärke (rund 41000) nicht mehr wesentlich erhöhte. Der Hunger in Bergen-Belsen war so unbeschreiblich, daß in den letzten Wochen Fälle von Kanibalismus keine Seltenheit waren. Bis zum 6. April 1945 wurden dem Lagerbüro 200-300 Fälle gemeldet. Die Täter schnitten das Fleisch – vor allem Leber, Ohren, Wangen – von frischen Leichen ab, um es entweder sofort roh zu essen oder nachher in einem Kochutensil zu braten. Einige dieser Leute wurden auf frischer Tat ertappt und von den Kapos zur Lagerkommandantur gebracht. Die SS ließ sie zur Abschreckung sofort aufhängen 20).

In dieser Zeit der Qual und des Sterbens hörte Jupp Weiss mit eigenen Ohren, wie Kramer zum Lagerältesten Hanke sagte: „Je mehr tote Juden Sie mir bringen, desto besser ist es!“ 21)

Dennoch beweist ein erhalten gebliebenes – und inzwischen in die holländische Sprache übersetztes – Manuskript, welch bewundernswerte Haltung der Judenälteste von Bergen-Belsen damals einnahm. Wenige Tage nach der Befreiung schrieb er den Text: „Sederabend 1945 im KZ Bergen-Belsen”, in dem er die religiöse Feier am ersten Abend des Passahfestes beschreibt, die wohl am 29. März 1945 in den Baracken stattfand. Jupp Weiss hinterläßt – wie am Beispiel Rigas sein Euskirchener Glaubensbruder Karl Schneider – hiermit ein seltenes Dokument jüdisch-religiöser Frömmigkeit:

 

„SEDERABEND 1945 IM KZ BERGEN-BELSEN

von Joseph Weiss 22)

„Du mußt heute abend in allen Baracken sprechen”, sagte meine Frau bei der Morgenbegrüßung in ihrer Baracke zu mir. -„Was soll ich aber sagen?” antwortete ich. „80 % aller Personen sind krank – Fleckfieber, Erschöpfung! Wir haben Quarantäne, kaum Brot – seit 10 Tagen wird höchstens ein Fünftel unserer uns zustehenden Ration geliefert. Butter und Brotaufstrich kennen wir nicht mehr. Du weißt, ich habe jeden Jomtov gesprochen. Wir haben in den Baracken kleine Zusammenkünfte veranstaltet. Denke an unsere Kinderfeiern von Chanukka und Purim, die für jung und alt erhebend waren. Oder erinnere Dich daran, daß am ersten Chanukka-Abend in allen Baracken, im Krankenhaus in allen Sälen, im Alters- wie im Kinderheim um dieselbe Zeit Lichter angesteckt wurden. Diese Handlung war keine Domäne der Orthodoxie. Juden aller Richtungen beteiligten sich hier – eine nicht zu unterschätzende Leistung in einem der berüchtigsten KZs Deutschlands. Ein Zeichen von Kraft und Lebenswillen von Juden, die 45 Nationen angehören, in menschenunwürdiger Weise in Baracken zusammengepreßt sind!
Aber heute sprechen, wo man sagen müßte: ,Jeder, der komme, der esse mit mir!’- Nein, Mami, das ist zu schwer für mich Ich bin auch nur ein Mensch, und wir haben keine Vorräte mehr, um selbst den Kranken und Erschöpften etwas extra geben zu können. Und neue Zufuhr kommt nicht mehr, und wenn ich rede, muß ich das alles sagen.”
„Gerade darum mußt Du reden; der von Dir selbst zitierte Satz aus der Haggada muß der Leitfaden Deiner Ansprache sein.” So antwortete meine Frau in ihrer wie immer ruhigen und überzeugenden Art.
Wir hatten selbst eine Einladung, den Seder im Kinderheim mitzufeiern. Ich besuchte abends alle Baracken unserer Gruppe (das KZ Bergen-Belsen bestand aus neun verschiedenen Gruppen, die durch Stacheldraht voneinander getrennt waren) und sagte – kurz geschildert – etwa folgendes:
„Es ist zwar paradox, den Satz aus der Haggada zu zitieren: Jeder, der komme, der esse mit uns!’, denn hier ist das Gegenteil der Fall. Alle haben wir Hunger. Wir von der Leitung können Euch nichts mehr besorgen. Es sieht mit unserer Ernährung trostlos aus. Ich kann Euch kein Brot geben, nur mit Worten kann ich Euch Mut zusprechen. Haltet die letzten fünf Minuten aus, es sind die letzten. Wenn wir auch keine Zeitung lesen und kein Radio hören, wir fühlen es!! Wir gehören zu den wenigen europäischen Juden, die dieses Völkermorden vielleicht überdauern werden. Wir müssen durchhalten, weil wir an der Renaissance unseres jüdischen Volkes mitbauen müssen. Wir haben viele Völker untergehen sehen. Selbst nach diesem Kriege wird für uns, die wir persönlich so viele Opfer gegeben haben, auch die Sonne wieder scheinen.” Ich hatte etwas Angst, ihnen dieses heute abend zu sagen, aber als ich beim Betreten dieser Baracke sowie aller anderen Baracken sah, daß auf den wenigen zur Verfügung stehenden Tischen, auf den Betten, in den Gängen, Kerzen brannten und überall in kleinen Gruppen Seder gegeben wurde, da fiel mir das Reden leicht, denn hieraus konnte ich entnehmen, daß sie innerlich so dachten wie ich. Ein kräftiges „Omein” bei den Aschkenasim und „Amen” bei den Sephardim war stets die Antwort der Zuhörer am Schluß meiner Ansprache.
Nachdem ich zehnmal gesprochen hatte, kam ich ins Kinderheim, wo man mit dem Beginn des Seder auf mich gewartet hatte. Hier war ich über alles überrascht, und es erfüllt mich heute beim Niederschreiben dieser Zeilen noch mit Stolz, was hier jüdische Menschen trotz aller Erniedrigungen und Leiden jüdischen Kindern boten:
Ein herrlich gedeckter Tisch, Sitzplätze, nach zwei Seiten Bänke, nach zwei Seiten die unteren der dreistöckigen Betten. Einige Familien waren zu Gast, u. a. die Witwe eines vor wenigen Tagen verstorbenen holländischen Oberrabbiners und die Kinder des anderen holländischen Oberrabbiner-Ehepaares, die um dieselbe Zeit an Hungerödemen gestorben waren. Diese so 30 Kinder saßen in den „besten” Lagerkleidern strahlend um den Tisch. Vater Birnbaum gab den Seder in traditioneller Weise mit allen Erklärungen und Beantwortungen aller Fragen der Kinder. Die Sederschüssel war vorschriftsmäßig, wenn auch Ersatz.
Nach dem ersten Teil gab es Essen, einfach herrlich, verschiedene Gerichte. Die Kinder und die Erwachsenen strahlten. Es waren Kunstwerke von Mutter Birnbaum, die mit ihren Töchtern für das leibliche Wohl der Gäste sorgte. Der Wein war ebenfalls prima, wenn auch Ersatz.
Wir haben 15 Monate als Hauptnahrung in Bergen-Belsen Kohl und andere Rüben gegessen; aber nur einmal habe ich den Wert der Rüben anerkannt, das war an diesem Abend. Denn der Inhalt der Sederschüssel, das Essen und der Wein (sprich: Saft) waren zu 90 % Produkte von Rüben, durch die Künstlerhände von Mutter Birnbaum für obige Zwecke geformt.
Der zweite Teil des Seder war ebenso feierlich wie der erste. Die Gesänge wurden von den Kindern bestritten. Ich habe sie nie schöner gehört als von diesen Kinderstimmen. Zum Schluß sangen wir gemeinsam: „Leschana Haba’ah Biruschalaim”.
Ergriffen verließen wir das Kinderheim, um in die ‘Wirklichkeit’ zurückzukehren. Ich begleitete meine Frau und unseren Sohn in ihre Baracken. Dann begab ich mich ins Büro, um mit meinen Mitarbeitern die gewohnte tägliche Namensliste der Verstorbenen im gesamten KZ zu machen. Es waren heute 596, davon etwa 500 Juden.”
Erna Weiss, geb. Falk, verstorben kurz nach der Befreiung (1945)

Erna Weiss, geb. Falk, verstorben kurz nach der Befreiung (1945)

Dieses Dokument, das von jüdischer Frömmigkeit zeugt, verfaßte Jupp Weiss wenige Tage nach seiner Befreiung. Auch seine Rettung grenzt an ein Wunder. Am 25. März 1945 – einem Sonntag – mußten alle Insassen des Sternlagers ein Quarantänebad nehmen, und sofort gab es wieder Gerüchte. Man nahm an, ausgetauscht zu werden oder nach Schweden oder das „Renommierlager” Theresienstadt zu kommen. Tatsächlich erschien am 26. März SS-Hauptsturmführer Ernst Mös im Lager und befragte die Ärzte eingehend über den Gesundheitszustand der Sternlagerinsassen. Auf einen Wink des Lagerältesten Hanke und des Judenältesten Weiss, die selbst den schlechten Gesundheitszustand mit Nachdruck herausstellten, sagten die Ärzte die Wahrheit und erklärten, daß im Sternlager 60 Fleckfieberfälle und 40 Fleckfieberverdächtige zu verzeichnen seien. Auch dieses Mal waren die Häftlingsfunktionäre der Meinung, ein großer Teil der Insassen werde einen Transport nicht lebendig überstehen. Dennoch kam am 6. April 1945 die Hiobsbotschaft: Evakuierung aller Austauschjuden.

Mit dem 3. Transport verließ am 9. April 1945 auch die Familie Weiss das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Mit 300 kranken Ungarn zusammen umfaßte der Evakuierungs-Transport des Sternlagers etwa 2400 Personen. Eineinhalb Tage lang saßen die Leute auf dem Bahnsteig Bergen in den überfüllten Waggons. Dann erst setzte sich der Zug in der Nacht vom 10. zum 11. April in Bewegung. Als Zielstation wurde Theresienstadt angegeben, und man darf annehmen, daß diese Überführung auch wirklich beabsichtigt war. Inzwischen waren Jupp Weiss und seine Frau ernsthaft erkrankt. Beide litten an Fleckfieber und hatten mit dem anscheinend gesunden jüngsten Sohn Klaus-Albert den sehnlichsten Wunsch, den in den Niederlanden untergetauchten Sohn und Bruder Wolfgang wiederzusehen. Doch die Kräfte ließen nach. Der Zug geisterte durch das zerstörte Deutsche Reich und wurde häufig von Fliegern bombardiert. Nach zweiwöchiger abenteuerlicher Fahrt wurde er am 23. April 1945 bei dem Dorf Tröbitz in der Niederlausitz von den Russen befreit. 198 Menschen waren während der Fahrt an Fleckfieber oder Erschöpfung gestorben. Auch in den folgenden Wochen forderte das Fleckfieber noch zahlreiche Opfer. Zu diesen gehörte auch Erna Weiss, was den Lebenswillen von Jupp Weiss in nächster Zeit zu lähmen schien.

Jupp Weiss (1969)

Jupp Weiss (1969)

Dieser Phantomzug, der sein Ziel nie erreichte, sondern tagelang kreuz und quer durch ein zusammenbrechendes Deutschland rollte, in das die feindlichen Armeen immer tiefer eindrangen – das war das Ende des „Aufenthaltslagers” Bergen-Belsen, das der Flamersheimer Jupp Weiss von Anfang an in profilierter Position miterlebt hatte” 23).

Wie bei allen Verschleppten und Inhaftierten galt die Hauptsorge des Judenältesten seinen Angehörigen. Josephs Schwester, Jetta Kahn, war von Oberhausen aus nach Amsterdam ausgewandert. Noch in Westerbork waren die Geschwister zusammen, bis die junge Frau dann später nach Theresienstadt kam. Sie konnte dort überleben. Eine andere Schwester, Rosa Sachs, konnte in der Pogromzeit von Dortmund aus nach Amsterdam gerettet werden. Sie war mit Erna und Jupp Weiss in Bergen-Belsen; und auch sie überlebte das Chaos. Entfernteren Verwandten konnte man erst bei Kriegsende die ersten Lebenszeichen schicken. Dies war durch die profilierte Position zweier „Weisse” aus Flamersheim möglich: Jupp Weiss, der Judenälteste von Bergen-Belsen, und Dr. Josef Weiss, Sohn von Markus Weiss, zur damaligen Zeit Leiter des Palästina-Büros in Genf.

Im März 1945 kamen 500 wollene Decken in Bergen-Belsen an. Jupp Weiss mußte ein Dankschreiben an die Jewish Agency in Genf unterzeichnen, obwohl die Juden die dringend erforderlichen Decken nie zu sehen bekamen, weil die SS diese nicht austeilen wollte. Auch sollte von Genf aus ein Betrag in Höhe von 20 000 Reichsmark überwiesen werden, damit die angekündigte Auswanderung und die damit verbundenen Zollgebühren finanziell geleistet werden könnten. Als Judenältester unterzeichnete der Flamersheimer „Mit vorzüglicher Hochachtung Josef Weiss”, setzte aber u. a. als Postskriptum „Beste Grüße für meinen Vetter Josef Weiss” hinzu” 24).

Schreiben des Judenältesten von Bergen-Belsen, Jupp Weiss aus Flamersheim, an die Jewish Agency (Palästinaamt in Genf). Leiter war Vetter Dr. Josef Weiss - Privatarchiv Zachor/Israel

Schreiben des Judenältesten von Bergen-Belsen, Jupp Weiss aus Flamersheim, an die Jewish Agency (Palästinaamt in Genf). Leiter war Vetter Dr. Josef Weiss – Privatarchiv Zachor/Israel

Ausweise und Notizen aus dem Jahre 1945

Ausweise und Notizen aus dem Jahre 1945

Nachdem die Administratur des Sternlagers von Bergen-Belsen aufgelöst worden war und feststand, daß die meisten Insassen nach Theresienstadt deportiert werden sollten, fertigte Jupp Weiss „Todeslisten” an, die er – selbst während seiner Erkrankung an Flecktyphus – immer am Körper trug. Mit weiteren Sterbebüchern konnte vom Holländischen Roten Kreuz die Aufstellung „Lijst van Overledenen van het Sternlager te Bergen-Belsen25) herausgegeben werden, so daß heute – trotz der unvorstellbaren Zustände in diesem Konzentrationslager-, zuverlässige Angaben über das Leben und Sterben in Bergen-Belsen möglich sind.

Auch nach dem 2. Weltkrieg verschwand Jupp Weiss keineswegs in der Versenkung. In Jerusalem, in den ersten Jahren nach dem Krieg, wurde das Haus Weiss ein Durchgangslager. Hunderte von Überlebenden besuchten ihn, Tausende von Korrespondenzen wurden geführt. Er mußte Todeserklärungen unterzeichnen, die dann von seinem Jugendfreund aus Flamersheim, dem Rechtsanwalt und Notar Alfred Oster, bestätigt wurden.

Wiedersehen im Jahre 1945 in Holland: v.l.n.r. Klaus-Albert, Jupp Weiss, Wolfgang, der in den Niederlanden während des Krieges untergetaucht war.

Wiedersehen im Jahre 1945 in Holland: v.l.n.r. Klaus-Albert, Jupp Weiss, Wolfgang, der in den Niederlanden während des Krieges untergetaucht war.

Von den englischen Soldaten, die am 15. April 1945 das Konzentrationslager befreiten, hatte wohl kaum einer vorher den Namen Bergen-Belsen gehört. Die bald darauf publizierten Fotos ließen die Welt erschrecken, zumal die Wahrheit über Auschwitz noch nicht einmal allgemein bekannt war. Bergen-Belsen wurde in diesen Tagen ein Begriff und Symbol. „Belsen wurde ein neues englisches Wort für Terror!“ 26) So wurde der Bergen-Belsen-Prozeß in Lüneburg am 17. September 1945 unter großer Anteilnahme eröffnet und am 17. November 1945 mit der Urteilsverkündigung abgeschlossen. Für diesen Prozeß hatte Jupp Weiss eine Liste mit Namen und Funktion von 73 SS-Führern und Mannschaften im Lager Bergen-Belsen aufgestellt, unter denen sich zahlreiche berüchtigte Menschenschinder befanden. Eberhard Kolb kritisiert in seinem bereits erwähnten Buch die Verhandlungsführung. Die meisten Anschuldigungen wurden in Form von eidesstattlichen Erklärungen, Affidavits, niedergelegt und dem Gericht als Beweismaterial unterbreitet. Da der Großteil dieser Anklage-Zeugen bei Beginn des Prozesses bereits repatriiert war, konnten nur wenige von denen, die belastende Aussagen gemacht hatten, persönlich vor Gericht erscheinen. Auch der einstige Judenälteste und Leiter der Lageradministration, Joseph Weiss, erschien nicht als Zeuge vor Gericht, obwohl er gegen Kramer eine sehr viel gravierendere Aussage hätte machen können als jene ehemaligen Häftlinge, die behaupteten, eine Mißhandlung durch den Kommandanten beobachtet zu haben.

Im berüchtigten „Ungarnlager” von Bergen-Belsen hatte Jupp Weiss seinerzeit Eichmann kennengelernt. Später wurde er zum Prozeß geladen, weil er wohl die besten Detailkenntnisse über die Zustände in Bergen-Belsen hatte. Beim Eichmann-Prozeß im Jahre 1961 brauchte Jupp Weiss jedoch nicht vor den Schranken des Gerichtes auszusagen, sondern stellte sich hierfür in seiner Wohnung in Jerusalem zur Verfügung. Jupp Weiss wollte nicht mit diesem Menschen konfrontiert werden.

Autor: Hans-Dieter Arntz. Der Artikel wurde erstveröffentlicht auf der Website des Autors: http://www.hans-dieter-arntz.de

 

Anmerkungen

0 Vgl. Anmerkung 5.

1 Nach dem Bericht des 1. englischen Arztes, Brigadier Glyn-Hughes. In: Kolb, Eberhard: „Bergen-Belsen” (Geschichte des „Aufenthalt-Lagers” 1943-1945), Hannover 1962, hier S. 167.

2 „Abschiebebefehl” ins Lager Westerbork v. 27.1. 1942 an Josef Weiss (Aus dem Holländischen übersetzt). Zur Verfügung gestellt von dem jüngsten Sohn, Aharon Zachor, in einem Schreiben v. 4.3.1982.

3 Nach Kock, Erich: Unterdrückung und Widerstand – Fünf Jahre deutscher Besetzung in den Niederlanden 1940-1945. Dortmunder Vorträge, Heft 35, o. J., S. 19/20.

Lesenswert auch: Presser: „Ondergang”, Martinus Nijhoff, Den Haag, 1965 sowie Pressec „Antwoord aan het Kwaad”, Amsterdam 1961.

4 Reitlinger: a.a.O., S. 377.

5 Reitlinger: a.a.O., S. 385.

6 Ebenda.

7 Reitlinger: a.a.O., S. 387.

8 Kolb: a.a.O., S. 62-64.

9 Kolb: S.64.

10 Ebenda.

11 Kolb: S. 65.

12 Schreiben von Aharon Zachor (Klaus-Albert Weiss)/Israel v. 2. 4. 1982.

13 Dasberg, Eli: joep Weisz overleden”, in: N. 1. W. Holland v. 8.10. 1976.

14 Kolb: a.a.O., S. 73/74.

15 Kolb: a.a.O., S. 77.

16 Ebenda, S. 83/84.

17 Zitiert nach Kolb: a.a.O., S. 84/85.

18 Ebenda, S. 124/125.

19 Reitlinger: S. 517, in: Kolb, S. 126.

20 Kolb: S. 146, 147 und 136.

21 Kolb: S.l9G.

22 Als Original in deutscher Sprache von Klaus-Albert Weiss (Aharon Zachor/ Israel) am 4. 3. 1982 zur Verfügung gestellt.

23 Vgl. Schreiben von Aharon Zachor v. 4.3. 1982 sowie die fast wörtliche Zitierung nach Kolb: a.a0., S. 155/156.

24 Schreiben wurde von Herrn Aharon Zachor zur Verfügung getellt. Der damalige Leiter des Palästinaamtes in Genf, Dr. Joseph Weiss, lebt heute in Savyon/Israel. Auch er stammt aus Flamersheim.

25 Schreiben von Herrn Aharon Zachor v. 4.3 . 1982. Vgl. auch Kolb: a.a.O., S. 309.

26 Kolb: a.a.O., 5. 172.