Über uns
Das deutsche "Ghetto Litzmannstadt" im polnischen Lódz
Geschrieben von: Wolf Oschlies
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| Altes Siegel des Bürgermeisters von Łódź |
Polnisch-jüdisch-deutsches Łódź
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| Umbenennung der Stadt Łódź in „Litzmannstadt“ |
Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatte Polen rund 33 Millionen Einwohner, darunter ca. 3,5 Millionen Juden. Diese lebten vorwiegend in Städten und waren in Handel und Industrie tätig (da ihnen Staatsstellen so gut wie verschlossen blieben), was die Erklärung dafür ist, dass in Łódź eine der größten jüdischen Gemeinden Polens ansässig war. Laut Julian Baranowski, dem um die Geschichte des Ghettos hochverdienten polnischen Historikers, zählte sie bei Kriegsausbruch mindestens 233.000 Mitglieder, umfaßte also rund 40% der Stadtbevölkerung. Diese sollte auf Vorschlag von Friedrich Übelhör, Verwaltungschef der Region Kalisz, in bestimmten Stadtvierteln konzentriert werden. Das galt als bloße Übergangsregelung, da man mit der baldigen „Abschiebung“ der Juden in das „Generalgouvernement“ rechnete, also in die ehemaligen polnischen Regionen, die lediglich als „Nebenland des Reiches“ geführt wurden. Die für den NS-Apparat charakteristischen internen Rivalitäten verhinderten diesen Plan. Stattdessen wurden auf Befehl von Johann Schäfer, Polizeichef von Łódź, am 8. Februar 1940 die Altstadt, das Proletarierviertel Bałuty und der Vorort Marysin – ursprünglich 4,13 Quadratkilometer, die am 30. Juni 1942 auf 3,82 verkleinert wurden und auf denen 2.332 Häuser mit insgesamt 28.400 Wohnräumen standen - zum „Ghettogelände“ erklärt, in das die Juden umsiedeln mussten. Am 30. April 1940 wurde das Ghetto endgültig von der Außenwelt abgesperrt. Das Ghetto-Gelände war nicht kanalisiert, bot also keine Möglichkeiten der unterirdischen Kontaktaufnahme nach draußen, und in Łódź lebten noch 70.000 Deutsche, die als zusätzliche „Sicherung“ des Ghettos wirkten. Allerdings sollten auch diese nicht alles erfahren: Zwar durften sie mit der Straßenbahn durch das Ghetto fahren, aber die Linie war mit hohen Holzplanken abgeschottet und vor Fahrtantritt wurden die Wagen verschlossen.
Das „Ghetto Litzmannstadt“ galt als vollständig isoliert: Am 12. Juni 1940 waren hier 160.320 Juden interniert, davon 153.849 aus Łódź und 6.471 aus dem umliegenden „Warthe-Gau“. Im Spätherbst 1941 wurden 19.954 Juden aus Österreich, dem „Protektorat Böhmen und Mähren“, Luxemburg und Deutschland nach Łódź deportiert, bis zum Frühjahr 1942 weitere 17.826 Juden aus aufgelösten Ghettos im WartheGau. Hinzu kamen noch 5.007 Roma aus dem österreichischen Burgenland, die im Ghetto in einem gesonderten „Zigeunerlager“ untergebracht waren. Rund um das ganze Ghetto-Gelände und entlang der beiden größten Durchgangsstraßen, der Zgierska- und der Limanowskiego-Straße, waren Stacheldrahtsperren gezogen und im Abstand von maximal 100 Metern Posten der Schutzpolizei aufgestellt, die jeden Juden, der das Ghetto verlassen wollte, ohne Vorwarnung erschießen durften. Dennoch gilt Litzmannstadt in der Holocaust-Forschung als das am besten dokumentierte KZ – das Staatsarchiv in Łódź besitzt allein 27 Alben mit Photos aus dem Ghetto. Die papierenen Dokumentenbestände füllen 12 große Räume, und die Betreuung der Archivmaterialien obliegt 20 Angestellten.
Innere Organisation des Ghettos
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| Lageplan des Ghettos |
Das Ghetto Litzmannstadt musste von seinen Bewohnern selber finanziert werden, was anfänglich durch den Verkauf letzter Wertgegenstände, später durch Zwangsarbeit in Fabriken geschah. 1940 arbeiteten lediglich 31 Betriebe und Werkstätten, 1943 waren es bereits 119. In demselben Jahr waren in den Betrieben 70.000, bei der stark ausgebauten Ghetto-Verwaltung weitere 9.000 Personen beschäftigt. An der Spitze dieser Verwaltung stand Der Älteste der Juden in Litzmannstadt Ghetto, der einen Ältestenrat als beratendes Gremium berief. Die Verwaltung selber bestand aus einer Hierarchie von 33 Zentralen, Abteilungen, Ressorts und Kommissionen.
Die wichtigsten Gremien der Ghetto-Selbstverwaltung waren:
- Zentrale: Ein zentrales Sekretariat, über das der Älteste der Juden die Korrespondenz mit den Deutschen und die gesamte Verwaltung des Ghettos führte.
- Meldebüro: Eine auf deutschen Befehl eingerichtete Zentrale, die alle Personaldaten aller Ghettobewohner registrierte.
- Statistik-Abteilung zur quantitativen Erfassung aller Lebens- und Arbeitsbereiche des Ghettos.
- Ordnungsdienst (OD): Eine Lagerpolizei, die in mehreren Abteilungen 850 bis 1.200 Angehörige hatte und zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit im Ghetto, Hilfsleistungen bei Umzügen und Transporten etc. diente.
- Schnellgericht: Ein am 11. März 1941 geschaffenes Gericht, das Personen- und Strafsachen verhandelte, darunter auch Delikte wie Sabotage, „Aufhetzung der Gesellschaft“, „Widerstand gegen die Ghetto-Verwaltung“ etc. Abgeurteilte wurden zur Verbüßung ihrer Haft in das Zentralgefängnis eingewiesen. Dieses Gefängnis war auf deutschen Befehl gebaut worden, da die Deutschen überzeugt waren, dass unter vielen Juden auch viele Verbrecher wären.
- Versorgungsabteilung zur Verwaltung von Nahrungsmitteln und Medikamenten, die das Ghetto von deutschen Behörden erhielt.
- Wohnungsabteilung zur Verwaltung des Wohnraums, Einweisung von Bewohnern, Raumbeschaffung für die Ghetto-Verwaltung etc.
- Gesundheitsabteilung zur Verwaltung aller Krankenhäuser, Apotheken, Rettungsstationen, Sanitätsdienste, Altenheime, Waisenhäuser etc.
- Schulabteilung, der die Schulen im Ghetto und die Heime in Marysin unterstanden.
- Zentrales Arbeitsamt als Mittler zu deutschen Behörden und Firmen.
- Aussiedlungskommission: Ein auf deutschen Befehl geschaffenes Büro zur Erstellung von Listen für Transporte, Deportationen etc.
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| Ghetto-Zeitung in jiddischer Sprache |
Alle diese und weitere Einrichtungen, z.B. eine eigene Ghetto-Zeitung, die vom 4. März 1941 bis zum 21. September 1941 in jiddischer Sprache erschien, sollten den Eindruck von Normalität und ernstgemeinter jüdischer „Selbstverwaltung“ vermitteln. Davon konnte jedoch keine Rede sein: Entweder führten die Institutionen deutsche Befehle aus, oder sie waren (wie etwa der Ältestenrat) ohne alle Bedeutung und ohne jeden Einfluß. Erste und letzte Instanz waren die deutschen Behörden, vor allem die Ghettoverwaltung als relativ eigenständiges Glied der Stadtverwaltung Litzmannstadt. Ihre Hauptaufgaben waren die Versorgung des Ghettos mit Nahrung, Medikamenten und Heizmaterial, die Vermittlung zwischen deutschen Wirtschaftsbehörden und Firmen und der Ghetto-Selbstverwaltung sowie die finanzielle Verwaltung des Ghettos. Auch deutsche Wehr-, Wirtschafts-, Zivil- und Sicherheitsbehörden waren in Angelegenheiten des Ghettos involviert. Im Vergleich zu ähnlichen Lagern war es früher entstanden, hatte länger existiert, war größer und vor allem ökonomisch bedeutsamer gewesen – alles Umstände und Gründe, die deutsche Aufmerksamkeit für das Ghetto Litzmannstadt erklären.
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| Wertzeichen der Ghetto-Post |
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| Ghetto-Geld |
Wie erlebten die Bewohner das Ghetto? Die tschechische Überlebenden Věra Arnsteinová und Mája Randová berichteten:
„Fäkalien flossen den Bürgersteig entlang. Bei der Ankunft fanden wir Hinterhöfe vor, die voller Müll waren. Bałuty bestand aus Stein- und Holzhäusern mit großen Höfen, die untereinander verbunden und völlig verwahrlost waren. Erst als eine Epidemie drohte und die Deutschen Angst vor Infektionen hatten, ließen sie den Müll wegräumen. Es drohten Cholera, Gelbsucht, Typhus. Für Mutters Kleider tauschten wir Waschschüsseln und Kübel ein, um existieren zu können. Laufend gingen aus dem Ghetto die ersten Transporte ab, und niemand wusste, wohin. Reihenweise starben Menschen an Hunger und Krankheiten. Wir zogen in eine freigewordene Wohnung um – vier Personen in einem Zimmer mit zwei Pritschen, Tausende Wanzen, derer man nicht Herr wurde. (…) Wanzen. Flöhe, Kleiderläuse. Bei der Essenausgabe lange Schlangen, und man konnte beobachten, wie die Läuse von einem zum anderen sprangen. Die Läuse übertrugen Flecktyphus. Für die ausgehungerten und erschöpften Menschen war es schrecklich schwer, im Winter für tägliche Hygiene zu sorgen. Als wir ankamen, teilte man uns irgendeine Rübensuppe aus. Wir konnten sie nicht essen, aber die Einwohner bettelten darum. Bald haben auch wir sie geschluckt. Die ganzen Jahre war der Hunger im Ghetto am schlimmsten, vor Hunger starben Alte und Junge“.
Lebende und Tote von Litzmannstadt
In den knapp fünf Jahren seines Bestehens wies das Ghetto folgende „Bevölkerungsstatistik“ auf:
| Jahr | Bewohner | Todesfälle |
| 1940 | 160.320 | 8.475 |
| 1941 | 145.992 | 11.456 |
| 1942 | 103.034 | 18.046 |
| 1943 | 84.226 | 4.573 |
| 1944 (I-VIII) | 72.551 | 2.778 |
| Total | ca. 43.000 |
In den Jahren wurden lediglich 190 Ghetto-Bewohner erschossen, und generell erscheint die Todesrates des Ghettos mehr oder minder „normal“, besonders wenn man sich die ganzen Lebensumstände in Litzmannstadt vergegenwärtigt. Dieser Eindruck kann indessen nur entstehen, wenn man die Deportationen nicht berücksichtigt: Im Ghetto Litzmannstadt wurde gearbeitet, und wer zur Arbeit nicht fähig war, der wurde in ein KZ geschafft und dort getötet. Die Deportations-Statistik spricht eine deutliche Sprache:
| Datum der Deportation | Zahl der Opfer | Tötungsort |
| 26.-29.1.1942 | 10.003 | Vernichtungslager Chełmno |
| 22.2.-2.4.1942 | 34.073 | Vernichtungslager Chełmno |
| 4.-15.5.1942 | 10.914 | Vernichtungslager Chełmno |
| 3.-12.9.1942 | 15.681 | Vernichtungslager Chełmno |
| 23.6.-14.7.1944 | 7.196 | Vernichtungslager Chełmno |
| 9.-29.8.1944 | 65.-67.000 | KZ Auschwitz |
| August 1944 | 500 | KZ Sachsenhausen, KZ Ravensbrück |
| Total | 143.-145.000 |
Das Gros der Bewohner und der Opfer von Litzmannstadt waren polnische Juden. Daneben wurden 1941 auch größere Gruppen westeuropäischer Juden eingeliefert:
| Herkunftsland | Herkunftsort | Ankunft | Anzahl |
| Österreich | Wien | 16.10.-3.11. | 4.999 |
| Deutschland | Berlin | 18.10.-2.11. | 4.055 |
| Deutschland | Emden | 25.10. | 122 |
| Deutschland | Frankfurt M. | 22.10. | 1.186 |
| Deutschland | Köln | 23.10. | 2.014 |
| Deutschland | Hamburg | 26.10. | 1.063 |
| Deutschland | Düsseldorf | 26.10. | 1.005 |
| Prot. Böhmen-Mähren | Prag | 19.10. | 4.999 |
| Luxemburg | Luxemburg | 18.10. | 512 |
| Total | Ca. 19.722 |
Generell hat sich das Ghetto Litzmannstadt in vier Phasen entwickelt:
- 1940/41: Einrichtung des Ghettos, Übersiedlung der Juden von Łódź und aus kleineren Ghettos in der Umgebung, Transporte aus Westeuropa.
- 1942: Jahr der Deportationen in das Vernichtungslager Chełmno (Kulmhof) mit insgesamt über 70.000 Opfern.
- Okotober 1942 – Mai 1944: Keine größeren Deportationen.
- Juni bis August 1944: Liquidation des Ghettos, Massendeportationen mit insgesamt ca. 73.000 Opfern
Die „Führer“: Hans Biebow und Chaim Rumkowski
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| Die Ghetto-Leitung: Hans Biebow (rechts) und Mordechai Chaim Rumkowksi (links). |
Biebows jüdischer „Partner“ war Mordechai Chaim Rumkowski (1877-1944), vormals ein wenig erfolgreicher Textilunternehmer, Versicherungsagent und Direktor des jüdischen Waisenhauses „Helenowek“ in Łódź, den die deutschen Besatzer am 13. Oktober 1939 zum „Juden-Ältesten“ ernannten und mit der Bildung eines „Judenrats“ beauftragten. Bereits am 11. November 1939 wurden die Mitglieder dieses „Judenrates“ verhaftet, deportiert und zumeist ermordet. Rumkowski zwang man (nachdem man ihn schwer misshandelt hatte), einen neuen „Judenrat“ zu bilden und mit diesem eine Liste mit 50.000 Namen von den Juden zu erstellen, die ins „Generalgouvernement“ deportiert werden sollten. Zwischen dem 13. November 1939 und dem 28. Dezember 1940 wurden Tausende Juden aus Łódź deportiert.
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| Mordechai Chaim Rumkowski (1877-1944) |
Es gibt gewiß keinen einzigen „Juden-Ältesten“, der die ständige Diskrepanz zwischen Kooperation mit den Deutschen und Fürsorge für die Juden ohne seelische Blessuren und physische Menschenverluste bewältigen konnte. Es gibt aber wohl auch keinen, der so umstritten war wie Chaim Rumkowski. Er ist 1944 in Auschwitz umgekommen, konnte also nichts mehr über Motive, Umstände und Folgen seines Tuns aussagen. So müssen die vorhandenen Dokumente über ihn Auskunft geben, so dürftig und unzulänglich diese auch immer ausfallen mag.
Der Jude Rumkowski wollte zweifellos die Juden im Ghetto Litzmannstadt schützen. Nach seiner Ansicht konnte er das am besten, wenn er den Deutschen dreifach entgegenkam – mit harter Arbeit von Juden für deutsche Wirtschaftsinteressen, mit harter Disziplin unter den Juden, um Deutschen keine Anlässe für Übergriffe zu geben, und mit persönlicher harter Amtsführung, die den Deutschen dank ihres „Führerprinzips“ durchaus vertraut war.
Die Vorstellung, Rumkowski als Repräsentanten eines jüdischen „Führerprinzips“ zu sehen, ist weniger absurd, als sie auf den ersten Blick anmutet. Die Nationalsozialisten praktizierten das „Führerprinzip“ als grundlegendes Ordnungselement ihrer gesamten Herrschaftstechnik: „Führer“ ist laut Hitler, wer in seinem Bereich, in seiner Gruppe „absolute Verantwortung“ trägt und „absolute Autorität“ besitzt, also deutlich von der „Gefolgschaft“ abgesetzt ist. Praktisch bedeutete das, dass Deutschland von „Führern“ nur so wimmelte – jeder kleine Fabrikbesitzer avancierte zum „Betriebsführer“ etc. An der Spitze dieser Hierarchie stand Adolf Hitler als „Führer und Reichskanzler“, und seine Spitzenstellung wurde so definiert, dass er für alles, was im „Reich“ geschah, die „Verantwortung vor dem Volk und vor der Geschichte“ trug. Das war natürlich eine Leerformel, die nur den Zweck hatte, das Phänomen Hitler und seine alles überragende Position zu charakterisieren – es konnte in Deutschland und in den von ihm eroberten Ländern keinen Zweiten geben, der so wie er über allen weltlichen und physischen Instanzen stand.
Unter der Voraussetzung der unwiederholbaren Ausnahmestellung Hitlers praktizierten die Nationalsozialisten ein situativ variables „Führerprinzip“: Es gab die charismatischen Führer, die wegen ihrer Nähe zu Hitler, ihrer „Verdienste“ und ihrer Schlüsselstellung im Machtapparat sektoral eine vergleichbar hohe Führerposition einnahmen – wie z.B. Heinrich Himmler als „Reichsführer SS“. Es gab zudem im nicht-deutschen Einflussbereich die repräsentativen Führer, die selbst dann noch so betitelt und behandelt wurden, als sie faktisch keinerlei Bedeutung mehr hatten – etwa der „Duce“ Benito Mussolini nach 1943, der „Leider“ Andriaan Mussert in den besetzten Niederlanden, der „poglavnik“ Ante Pavelić im faschistischen Kroatien etc. Schließlich gab es noch die funktionalen Führer, denen man ein Höchstmaß an Autorität gegeben hatte, um ihnen die maximale Verantwortung aufzubürden und sie im gegebenen Moment als „Sündenböcke“ nutzen zu können. Diese Führer wurden in der Regel „Älteste“ genannt – Juden-Ältester, Lagerältester, Blockältester etc. -, was aber nur ein verbaler Tribut an die politische Konnotation von „Führer“ war, denn mit Blick auf Hierarchien, Kompetenzen, Machtbefugnisse etc. waren sie „Führer“.
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| Rumkowski inmitten von deutschen Offizieren |
Allerdings sind es diese Äußerlichkeiten, die das negative Bild Rumkowskis prägten. Er habe das Ghetto wie sein „Königreich“ geführt, sei ein „Despot“ gewesen, wäre einer „illusorischen Autonomie“ des Ghettos verfallen, habe Geldscheine mit seiner Unterschrift und Briefmarken mit seinem Porträt ediert etc.
So oder ähnlich kann man es in vielen Darstellungen des Ghettos Litzmannstadt lesen, aber solche Urteile sind mehr oder minder Unsinn! Jeder kleine Blockälteste in jedem KZ war ein größerer Despot als dieser Ghetto-Chef. Und was sonst noch vorgebracht wird, verkennt einfach Urheber und (gezwungenen) Ausführer. Die Deutschen haben, schon aus propagandistischen Gründen, das Bild einer „weitgehenden Selbstverwaltung“ in den Ghettos verbreitet, und wie kann man diese Fiktion glaubhafter machen als mit Geldscheinen, die jeder ständig bei sich führt und als monetären Beleg dieser Autonomie ansieht.
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| Ghetto-Währung |
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| Rumkowski auf Ghetto Briefmarken |
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| Rumkowski auf einem Ghetto-Gemälde |
Hunderte Anordnungen sind erhalten geblieben, die von Rumkowski unterschrieben wurden. Praktisch alle sind in einem Ton abgefasst, der einfach selbstherrlich anmutet: „Ich“ verfüge, „meine letzte Warnung“, Gelder sind „in meiner Bank“ einzuzahlen etc. War Rumkowski selbstherrlich? Ist ihm die eigene Position so zu Kopf gestiegen, dass ihm die Pseudo-Autonomie des Ghettos wie eine reale Machtstruktur mit ihm an der Spitze erschien? Oder hat er, wissentlich oder nicht, in seinen (zumeist zweisprachig deutsch-jiddischen) Verfügungen jenen Tonfall angeschlagen, der ihm und allen anderen aus rein deutschen Erlassen vertraut war? Sollte man Rumkowskis Anordnungen nicht als bittere, verzweifelte Parodie des NS-Befehlsstils im okkupierten Polen lesen? In Polen, Israel und anderswo gibt es nicht wenige Autoren, die solche Fragen schon deswegen nicht beantworten, weil sie sie gar nicht stellen: Rumkowskis Name steht unter dem Dokument, also hat Rumkowski es so gemeint und kann dafür angeklagt werden! Macht es sich, wer so urteilt, nicht sehr leicht? Viele, die nach dem Krieg vor Gericht gestellt wurden, haben sich auf ihren „Befehlsnotstand“ berufen: Ich hatte den Befehl, für Nichtausführung hätte mir der Tod gedroht, ich habe Schlimmeres verhütet etc. Rumkowski konnte nach Kriegsende nicht mehr befragt werden, dabei hätte er aus rund fünf Jahren „Amtszeit“ ungezählte Beispiele anführen können, dass er tagtäglich aus einem Befehlsnotstand heraus handelte.
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| Aussiedlungs-Bekanntmachung |
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| Hans Biebow |
Die Chronisten: Mendel Grossman und Henryk Ross
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| Bekanntmachung Rumkowskis über den Ankauf von Fotoapparaten. |
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| Mendel Grossman |
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| Henryk Ross |
„Was immer der Judenrat uns auftrug, nachdem er selber Befehle von den Deutschen bekommen hatte. Beispielsweise musste jeder im Ghetto photographiert werden für einen Ausweis, den Amtsleiter Biebow unterschrieb. Jede Person, die arbeitete, musste dafür einen Sonderausweis haben, für den ebenfalls ein Photo benötigt wurde. Daneben mussten wir Menschen photographieren, die in den Straßen verstorben waren und bei denen keine Papiere gefunden wurden. Auf Befehl der Deutschen mussten diese als »unidentifizierte Personen« registriert werden. Zusätzlich fertigten wir Kataloge von Produkten an, die in den Fabriken für die Armee hergestellt wurden, also etwa Uniformen und Schuhe. Wenn von den Deutschen der Befehl kam, ein Gebäude in der Nachbarschaft einzureißen, mussten wir es zuvor von allen Seiten her aufnehmen“.
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| Jüdische Polizisten bei der Bewachung von Häftlingen |
Frage: Was zeigt dieses Bild? Das ist auch ein Bild von Menschen auf dem Weg zur Deportation. Trifft das zu?
Antwort: Ja, genau das.
Frage: Und da seitwärts ist jüdische Polizei mit dem gelben Zeichen zu sehen. Trifft das zu?
Antwort: Alle Männer in Uniform sind jüdische Polizei.
Bekanntlich wurde der Eichmann-Prozeß gegen den obersten „Manager“ der Todestransporte in nationalsozialistische KZs geführt. Von daher war es verständlich, daß sich das israelische Gericht vorwiegend für jene Aufnahmen von Ross interessierte, die irgendwelche Szenen in Verbindung mit Deportationen zeigten. Das gab Ross Gelegenheit, die Umstände zu schildern, unter denen die Bilder entstanden waren:
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| Deportation von Häftlingen |
Antwort: Ich war befreundet mit Leuten, die am Bahnhof Radegast arbeiteten. Der lag außerhalb des Ghettos, war aber mit ihm verbunden, denn von dort gingen Züge nach Auschwitz ab. Einmal gelang es mir, als vorgeblicher Angehöriger des Reinigungspersonals in den Bahnhof zu kommen. Meine Freunde schlossen mich in einem Zementlager ein. Dort blieb ich von 6 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, bis die Deutschen abrückten und die Züge abfuhren. Ich beobachtete die abfahrenden Züge. Ich hörte Schreie. Ich sah, wie Menschen geschlagen wurden. Ich sah, wie auf sie geschossen wurde, wie jeder umgebracht wurde, der nicht gehorchte. Durch ein Loch in der Wand des Lagerraums habe ich zahlreiche Aufnahmen gemacht.
Aufnahmen dieser Art waren ein Teil von Ross’ Œvre, jedoch nicht der einzige, eventuell nicht einmal der wichtigste. Ross hat unglaublich viele Bilder gemacht, die man in einem NS-Ghetto einfach nicht vermuten würde: Gut gekleidete Menschen bei einer fröhlichen Feier mit Essen und Bierflaschen auf dem Tisch, gut genährte und muskulöse Sportler, ein im Gebüsch halb verstecktes Liebespaar, einen jungen Mann, der eine Thora-Rolle über die Straße trägt, einen jüdischen Ghetto-Polizisten, der Frau und Kind küsst, Kinder, die bei einem fröhlichen Umzug Fähnchen schwenken oder die in ein Spiel vertieft sind etc.
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| Zwei kleine Jungen spielen "Häftling" und "Ghettopolizist".. |
Besonders ernst scheint Ross diesen Aspekt jedoch nicht genommen zu haben, dazu verstand er seinen selbstgestellten Auftrag zu tiefgehend, allseitig und ausgreifend. 1987 erklärte er, was er getan und gewollt hatte: „Ich hatte eine offizielle Kamera, ich konnte heimlich das Leben der Juden im Ghetto abbilden. Kurz vor der Auflösung des Ghettos 1944 vergrub ich meine Negative in der Erde, damit eine Dokumentation unserer Tragödie erhalten bliebe, nämlich die totale Vernichtung der Juden von Łódź durch die Nazi-Exekutoren. Ich hatte die völlige Vernichtung des polnischen Judentums kommen sehen, und ich wollte ein historisches Zeugnis unseres Martyriums hinterlassen“.
Schlussbemerkung
Die zwei Fragen, die in der Holocaust-Forschung am häufigsten gestellt werden, lauten: 1. Was haben die Gefangenen in den KZs gewusst? 2. Warum haben sich die Gefangenen nicht gegen ihre Vernichtung gewehrt?
So wird in naiver Neugier gefragt, und wer eine halbwegs schlüssige Antwort geben will, muß vor der Fülle der zu berücksichtigenden Aspekte in die holzschnittartige Simplizität flüchten: 1. Die Gefangenen haben alles gewusst und sich keine Illusionen über das gemacht, was sie erwartete. 2. Sie hatten keine Chance, und ihre Recht- und Wehrlosigkeit wurde ihnen tagtäglich demonstriert.
Die Holocaustforscher selber fragen sich, wie sie die in ihrer Grausamkeit letztlich unfassbare Singularität des Holocaust fassen können. Sie fühlen sich wie jemand, der in einem dunklen Zimmer eine Taschenlampe auf eine Tischfläche richtet: Je höher er die Lampe hält, desto größer wird der ausgeleuchtete Kreis – wie aber auch der dunkel bleibende Umkreis größer wird.
Exakt so verhält es sich mit der Arbeit zum Holocaust: Jede halbwegs abgesicherte Antwort zieht Dutzende neue Fragen nach sich. Und das unter den Umständen eines eskalierenden Zeitdrucks: Die kleine Gruppe der Holocaust-Überlebenden geht ihrem biologischen Ende entgegen, das Ich-kann-es-nicht-mehr-hören-Vergessen wird langsam zur allgemeinen Norm der „Vergangenheitsbewältigung“, pompöse Gedankenlosigkeit ersetzt ehrliche Aufarbeitung: Man knausert bei Entschädigungen für Holocaust-Opfer und türmt sinnleere Steinhaufen als „Mahnmale“ auf.
„Zukunft braucht Erinnerung“ lautet das Motto von Shoa.de. Zwei Substantive, ein Verb - kein einschränkendes, präzisierendes Adjektiv: nur eine Weisung, die inhaltlich so eindeutig wie „Parken verboten“ daherkommt.
Daran halten sich alle, die sich ernsthaft und verantwortungsbewusst mit dem Holocaust beschäftigen. Warum ist ihre Wirkung dennoch eine relativ begrenzte? Weil sie es mit einem Problem zu tun haben, das bereits Lessing in seinem „Laokoon“ behandelte: Kann man höchsten Schmerz, größte Qual, schwerstes Leiden in Wort und Bild setzen? Man kann es, sollte es aber nicht tun, weil jede Darstellung des Extremen nur in Mitteln machbar ist, die beim Rezipienten Abscheu, Überdruß, Desinteresse auslösen: „Er musste Schreien in Seufzen mildern – nicht, weil Schreien eine unedle Seele verrät, sondern weil es das Gesicht auf eine ekelhafte Weise verstellet“. Das dargestellte Extreme schaltet die Vorstellungskraft aus: Wer extreme Qual „serviert“ bekommt, kann Werden, Wesen und Wirkung der Qual nicht nachvollziehen, kann nicht mit-leiden. Damit ist alles verfehlt, denn „kein Mitleid ist stärker, keines zerschmelzet mehr die ganze Seele, als das, welches sich mit Vorstellungen der Verzweiflung mischet“.
So weit und so knapp Lessing, und was er konstatierte und postulierte, sollte auch in der Holocaustforschung bedacht werden: Es gibt keine extremere Qual als den Holocaust, aber die Darstellung des Holocaust scheint partiell die Kontraproduktivität auszulösen, vor der Lessing warnte. Damit ist weder ein Vorwurf an die Forschung, noch gar ein Rat verbunden, zu einer gewissermaßen Soft-Darstellung überzugehen. Wohl aber die Absicht, jenen Kollegen in Osteuropa mehr nachzueifern, die (wie etwa die Krakauer KZ-Forscher in ihren „Auschwitz-Jahrbüchern“) schon vor Jahrzehnten ihre Arbeit breiter und tiefer anlegten, als es allgemein getan wird. Die Krakauer haben bereits 1973 eine Umfrage unter Auschwitz-Überlebenden gemacht, ob es in diesem KZ so etwas wie einen echten „Humor“ gegeben habe. Sie waren sich bewußt, ein „besonderes Phänomen“ zu behandeln, „das außerhalb bisheriger Theorien des Komischen steht, aber dennoch eine breitere und tiefere Darstellung verdient“. Denselben „Aha-Effekt“ hatte, wie erwähnt, Henryk Ross mit manchen seiner Bilder aus dem Ghetto Litzmannstadt ausgelöst: Litzmannstadt zu kennen, ist eine Sache – über Litzmannstadt zu erschrecken, weil es dort auch Liebespaare gab, die im Gebüsch schmusten, ist der Holocaust-spezifische Laokoon-Effekt, über den sich die Forscher einmal unterhalten sollten.
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Literatur
Baranowski, Julian: Łódzkie Getto 1940-1944/ The Łódź Ghetto 1940-1944 - Vademecum. 3. A. Łódź 2005.
Feuchert, Sascha Feuchert / Erwin Leibfried / Jörg Riecke / Julian Baranowski / Krytsyna Radziszewska (Hrsg.): Letzte Tage. Die Lodzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944. Göttingen 2004.
Lustig, Arnošt: Album z pekla (Album aus der Hölle), in: Reflex (Prag) Nr. 51/2004.
Seemann, Richard (Hrsg.): Ghetto Litzmannstadt 1941-1944. Dokumenty a výpovědi o životě českých Židů v lodžském ghettu [Das Ghetto Litzmannstadt 1941-1944. Dokumente und Zeugenaussagen über das Leben der tschechischen Juden im Lodzer Ghetto], Prag 2000.
Singer, Oskar: "Im Eilschritt durch den Getto-Tag". Reportagen und Essay aus dem Getto Lodz 1942-1944. Hgg. v. Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke sowie Julian Baranowski, Krystyna Radziszewska und Krzysztof Wozniak. Berlin 2002.
Unger, Michal: Das Letzte Ghetto - Leben in Lodz Ghetto, Yad Vashem 1995.
