Was geschah vom 9. auf den 10. November 1938 in Homburg? - Versuch einer Rekonstruktion

Am Montag, dem 7.11.1938 verübte der 17jährige Herschel (Hermann) Grynspan, ein Jude deutsch-polnischer Abstammung aus Hannover, auf den Legationssekretär der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, ein Attentat, an dessen Folgen dieser am Nachmittag des folgenden Tages starb. Das war für die Nazispitze die willkommene Gelegenheit, Vergeltung zu üben. Am 09./10.11. brannten in Deutschland 267 Synagogen, 7.500 Geschäfte wurden zerstört, zahlreiche Friedhöfe wurden geschändet, 36 jüdische Mitbürger wurden ermordet. Auch im Saarland wütete dieser Pogrom, nachzulesen in der vom Adolf-Bender-Zentrum 1998 herausgegebenen Dokumentation: „Was geschah am 9. November?“

In Homburg, wo bereits viele jüdische Mitbürger mit der Machtergreifung Hitlers ihr Vaterland verlassen hatten, war die Gemeinde von 163 Einwohnern (1933) auf weniger als 20 (1938) zusammengeschmolzen. Gegen dieses „armselige Häuflein“ erhielt die örtliche SS am 10.11.1938 die Gelegenheit, zumal mit behördlichem Segen, den Volksgenossen zu demonstrieren, wozu diese „Elitetruppe“ fähig ist. Trotz der oft widersprüchlichen Aussagen der Zeugen im Ermittlungsverfahren und vor Gericht, die sie dann später wieder abschwächten oder zurücknahmen und des Beschönigens, Abstreitens und Abschwächens der Angeklagten[1] konnte das, was damals in Homburg geschah, rekonstruiert werden, wobei das eine oder andere Detail strittig bleibt. Auch die Befragung von Zeitzeugen (auf Tonband festgehalten) und die Zuhilfenahme von Dokumenten wie Zeitungsartikel, Briefe und amtliche Verlautbarungen trugen dazu bei, das in der bisherigen Literatur[2] Geschilderte zu erweitern, ergänzen und vervollständigen.

Folgender Hergang darf angenommen werden: Wie jedes Jahr feierten am Abend des 09.11. die Kameraden der SS und der SA aus Homburg, die „Ortsgruppen Homburg-Ost und Homburg-West der NSDAP[3] im festlich dekorierten Saalbau den Marsch Hitlers auf die Feldherrnhalle von 1923, um „der heroischen Opfer der 16 ersten Blutzeugen der nationalsozialistischen Bewegung zu gedenken“[4]. Wer weit in die Nacht feierte, dürfte die Nachricht vom Tod v. Raths noch mitbekommen haben. Bereits um 23 Uhr 55 kam jedenfalls aus Berlin von der Geheimen Staatspolizei folgendes Fernschreiben an „alle Stapo Stellen und Stapoleitstellen“, wo es u.a. heißt:

  1. Es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden insbesondere gegen deren Synagogen stattfinden. Sie sind nicht zu stören (Hervorhebung jeweils vom Verfasser). Jedoch ist im Benehmen mit der Ordnungspolizei sicherzustellen, daß Plünderungen und sonstige besondere Ausschreitungen unterbunden werden können.

  2. Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20-30 000 Juden im Reich. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden.

  3. Sollten bei den kommenden Maßnahmen Juden im Besitz von Waffen angetroffen werden, so sind die schärfsten Maßnahmen durchzuführen. Zu den Gesamtaktionen können herangezogen werden Verfügungstruppen der SS sowie Allgemeine SS. Durch entsprechende Maßnahmen ist die Führung der Aktionen durch die Stapo auf jeden Fall sicherzustellen...“

In einem weiteren Fernschreiben dieser Nacht („Blitz, dringend, sofort vorlegen!“) heißt es u.a.:

  1. Die Leiter der Staatspolizeistellen oder ihre Stellvertreter haben sofort nach Eingang dieses Fernschreibens mit den für ihren Bezirk zuständigen Politischen Leitungen - Gauleitung oder Kreisleitung - fernmündlich Verbindung aufzunehmen und eine Besprechung über die Durchführung der Demonstrationen zu vereinbaren, zu der der zuständige Inspekteur oder Kommandeur der Ordnungspolizei zuzuziehen ist. In dieser Besprechung ist der Politischen Leitung mitzuteilen, daß die Deutsche Polizei vom Reichsführer SS und Chef der Polizei die folgenden Weisungen erhalten hat...

a) Es dürfen nur solche Maßnahmen getroffen werden, die keine Gefährdung deutschen Lebens oder Eigentums mit sich bringen (z.B. Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung ist).

b) Geschäfte und Wohnungen von Juden dürfen nur zerstört, nicht geplündert werden. Die Polizei ist angewiesen, die Durchführung dieser Anordnung zu überwachen und Plünderer festzunehmen...[5]

Penibel hielten sich die Zuständigen in Homburg an diesen Programmtext[6]: Der Leiter der städtischen Polizei berief frühmorgens im Auftrag des Bürgermeisters, der zugleich Kreisleiter der NSDAP war, den örtlichen Führer des SS-Sturmes 3/10 ins Polizeirevier in der Deutschen Straße (bis 1935 Wohn- und Geschäftshaus der Familie Levy) zu einer Besprechung. Der örtliche SS-Führer im Range eines Sturmführers brachte noch seinen SS-Oberscharführer mit. Man war sich einig, daß allein die SS (unter Ausschluß auch der SA, wodurch sich diese laut eines Zeugen - mal wieder - zurückgesetzt fühlte) die Durchführung dieser Anordnungen übernehme; die städtische Schutzpolizei werde im Sinne des Ausdrucks „im Benehmen“ auf dem Laufenden gehalten, im übrigen obliege ihr der übliche Wachdienst.

Gegen sieben Uhr traf sich dann in der Zweibrücker Straße (damals: Franz-v.Epp-Straße) gegenüber dem Saalbau in der Privatwohnung des SS-Sturmführers ein auserwählter Kreis von vier SS-Kameraden zur Lagebesprechung - ausdrücklich in Zivil, um die Spontaneität der Aktion zu unterstreichen. Einer erschien dennoch in Uniform, er wurde nach Hause geschickt, sich umzuziehen. Alle vier gehörten, wie mir gegenüber ein Zeitzeuge, der auch Täter war, (auf Tonband) betonte, zu den Homburgern, die „schon was Besseres waren“; man durfte sich zum guten Homburger Bürgertum zählen, war doch der eine ein Bauunternehmer, der andere Architekt, der dritte Dipl.-Ingenieur, der vierte Gymnasiallehrer. Folgende Vorgehensweise, die, wie erwähnt, von höchster Stelle, vom Reichsführer SS und Chef der Polizei, abgesegnet war, wurde beschlossen:

  • Drei Aktionen hatte man sich vorgenommen: eine gegen die Synagoge in der Klostergasse, eine gegen das Anwesen Alexander Hirsch/Seligmann, die Nr. 27 in der Deutschen Straße (heute: Karlsbergstraße) und eine gegen das Textilgeschäft Aron Salmon in der Adolf Hitler-Straße Nr. 6 (heute: Eisenbahnstraße). Ziel war, die Wohnungen erst nach Geld, wichtigen Papieren und Waffen zu durchsuchen, danach sie zu zerstören. Zur Fernhaltung von Plünderern wurde die Polizei rechtzeitig eingeschaltet. Die Synagoge wurde aufgebrochen, das Innere zertrümmert, die religiösen Gegenstände, die einen materiellen Wert darstellten, wurden nach Taxierung durch einen Fachmann von der Polizei sichergestellt. Der Davidstern als religiöses Symbol mußte weg. Wegen der Gefahr des Übergreifens der Flammen auf die Umgebung wurde von einer Einäscherung der Synagoge abgesehen. Eine Frau aus der Klostergasse, die Angst um ihr Haus hatte, konnte daher der Sturmführer beruhigen: „Frau M., Sie brauchen keine Angst zu haben, wir müssen hier ein Flämmchen machen, aber es passiert nichts." Er hätte noch hinzufügen können - vielleicht hat er es auch getan? -,daß außerdem die Feuerwehr rechtzeitig erscheinen werde.

  • Ohne eine genügende Anzahl von Helfern ging so etwas nicht, sie in der Kürze der Zeit herbeizutrommeln, war gar nicht so einfach, da erfahrungsgemäß viele SS-Kameraden nicht erreichbar waren bzw. manche von der Arbeit nicht abkömmlich waren. Der SS-Sturmführer wußte sich dennoch zu helfen: Telefonisch forderte er einen Abteilungsingenieur des Neunkircher Eisenwerks, Werk Homburg, einen Sturmführer der Motor-SS, auf, ihm unverzüglich seine fünf SS-Männer abzustellen, was dieser auch tat. Ebenfalls telefonisch beorderte er drei SS-Kameraden, die als Wachmänner der Westwallgroßküche in Erbach tätig waren; dazu griff er auf die Westwallarbeiter, die in der Volksschule lagerten, zurück; schließlich gelang es ihm doch noch, zu einigen Männern seines SS-Sturmes Kontakt aufzunehmen, so daß er schließlich gut zwanzig Mann zusammen hatte, alle, wie erwähnt, in Zivil, er selbst in brauner Lederjacke mit blauer Tuchschirmmütze. Im Laufe der Aktionen stieß der eine oder andere SS-Kamerad zusätzlich dazu, sogar zwei SA-Männer.

  • Treffpunkt war die nahe gelegene Volksschule. Als gegen acht Uhr die angeforderten Männer eintrafen, wurden ihnen Sinn und Ziel der Aktion erklärt, die bereitgestellten Äxte, Vorschlaghämmer, Pickel, Geißenfüßchen (eigentlich zum Herausziehen von Nägeln aus Schalbrettern) und Scheren wurden verteilt, drei Trupps wurden aufgestellt.

  • Vier bis fünf Mann marschierten in die Deutsche Straße zum „Angriff“ auf das Anwesen Hirsch/Seligmann. Nach ca. einer bis anderthalb Stunden war der Auftrag erfüllt. Aufsehen entstand keines, weil die Bewohner offensichtlich stille hielten, so daß der einzige Zeuge, der als Täter die Eingänge bewachte, vor Gericht trotz der Länge der Durchsuchung behaupten durfte, die Aktion sei ohne Zwischenfälle verlaufen, im übrigen hätten die Kameraden keine Zerstörungswerkzeuge bei sich gehabt. Im Schreiben von Paul Michael Hirsch an das Homburger Stadtarchiv vom Oktober 1988[7] heißt es u.a.: „Ich wurde während der Kristallnacht November 1938 nach Dachau transportiert. Ich wohnte mit meinen Eltern und Geschwistern in (der) Deutsche(n) Straße Nr. 27. Unsere Siebenzimmerwohnung wurde vernichtet und der Inhalt gestohlen (Hervorhebung vom Verfasser)

  • In der Adolf-Hitler-Straße im Textilgeschäft Aron Salmon (Inhaberin: Rosa, Frau des verstorbenen Aron, Geschäftsführer: Karl, sein Sohn) verlief die Aktion nicht so, wie sich das die Führung vorstellte. Als gegen halb neun ein Trupp von 12 bis 15 Mann in Dreierreihen, angeführt von dem 1,94 m großen SS-Oberscharführer, anmarschierte, verlief zunächst alles nach Plan: Alle waren mit den an der Schule bereitgestellten Werkzeugen bewaffnet, einer zusätzlich mit einer Stange. Ein Pfiff aus der Trillerpfeife des Anführers, die Erstürmung begann. Die einen schlugen die Schaufenster mit der Holzverkleidung ein, andere zertrümmerten die Ladentür, der mit der Stange stieß die Buchstaben über den Ladenfenstern (befestigt auf einer Marmorunterlage) ab, dann drangen sie ins Innere ein, wo die Regale umgeworfen, die Stoffe, zerhackt, zertrampelt und auf die Straße geworfen wurden, ebenso die Schaufensterpuppen, die Vorhänge wurden abgerissen, die Beleuchtungskörper zerschlagen, Heizkörper wurden bearbeitet, bis das Wasser herausspritzte, Papiere flogen durcheinander. Die Passanten blieben stehen, in der Pause strömten die Kinder der nahen Volksschule herbei, vor allzu Neugierigen und eventuellen Plünderern wurde der Bereich vor dem Laden abgeriegelt, bewacht von der SS und der jetzt herbeigerufenen Schutzpolizei. Bewacht wurde auch das Büro, damit keine Papiere wegkamen, ein Kundenbuch nahm der Sturmführer an sich. An alles ist gedacht, nur nicht daran, daß die Bewohner des Hauses nicht stillehielten, vor allem Karl Salmon „drehte“ - natürlich in den Augen der Randalierer - „durch“. Aufgeschreckt von dem Höllenlärm, stürzte er nämlich aus der im 1.Stock gelegenen Wohnung die Treppe herunter, schrie, einige Männer packten ihn, zerrten ihn wieder die Treppe hoch, währenddessen erschien seine Frau am Fenster mit ihrem siebeneinhalb Wochen alten Baby, rief gottserbärmlich um Hilfe: „Ach Gott verschont meine Kinder, habt Erbarmen mit meinen Kindern“. Klagte: „Ach lieber Gott, was haben wir verbrochen“. Die Frau wurde vom Fenster zurückgezerrt. Ein Zeuge vor Gericht: „Ich bin ein Mann und bin nicht so weich veranlagt, aber in diesem Moment kamen mir die Tränen in die Augen, ich konnte nicht mehr zusehen, ich bin weggelaufen.“ Nach geraumer Zeit ertönte ein Schuß. „Der Hund hat geschossen“, soll der Oberscharführer geschrieen haben, was dieser bestritt.[8] „Schlagt ihn tot, den Judd!“, hörte ein Zeuge einen zuschauenden Nachbarn rufen. Auch dies wurde bestritten. Ein Grund jedenfalls, die Wohnung nach Waffen zu durchsuchen. Es wurden keine gefunden. Woher kam die Detonation? Es darf spekuliert werden. Die Familie Salmon, nämlich Mutter Rosa, Sohn Karl, Ehefrau Alice, die Kinder Fred und Mathel und Tante Paula, saßen jedenfalls während der Haussuchung, so der Ausdruck vor Gericht, verschüchtert in der Küche. Nicht lange danach wurde Karl Salmon von zwei SS-Männern nach unten gebracht, im Hauseingang mußte er ca. zehn Minuten warten, dann wurde er, ziemlich robust, in einen Bus gestoßen. Der fuhr Richtung Befreiungsplatz (heute: Markplatz), wo noch andere „zustiegen“, um über Saarbrücken nach Dachau deportiert zu werden. Wieder erschien die Frau am Fenster, mit zerzausten Haaren, machte einen verstörten Eindruck. Die Demütigung der Familie war damit nicht zu Ende: Gegen zwölf erschien der Sparkassenbeamte mit dem Auftrag, Bargeld oder Wertpapiere zu beschlagnahmen. Als Zeugen nahm er die zwei ihm bekannten SA- Männer mit, die nach eigenem Bekunden pure Sensationsgier an die Orte, wo so viel los war, getrieben hatte, zuerst zur Synagoge, dann - gegen 11 Uhr - zum Aron (wie das Geschäft allgemein hieß), wo der eine sich ein Damenhöschen schnappte, um zur Gaudi aller damit herumzutanzen. Auf die Aufforderung, ihr Bargeld abzuliefern, erhielt der Kassenbeamte von Rosa Salmon 20.000 RM, Schränke, Schubladen und Kommode wurden zusätzlich durchsucht, auf das Flehen der Frau, ihr etwas Geld zum Leben zu lassen, rückte er nach langem Hin und Her, zuerst 50 RM, dann schließlich 100 RM raus.

  • Gegen 14 Uhr, nach ca. fünf Stunden also, war die Aktion beendet, ein Lieferwagen hatte zuvor alle Waren, die auf der Straße herumlagen, wegtransportiert, die Schaufenster wurden mit Brettern zugenagelt, anderntags hatten Arbeiter der Stadt die Trümmer aufgeräumt.

In einer eidesstattlichen Erklärung Karl Salmons vom 6.6.1958 zu diesen Vorgängen heißt es u.a.: „Am 10.11.1938 wurde durch SS-Leute unser Laden vollständig zerstört. Die Schaufenster wurden eingeschlagen, die Hausfront schwer beschädigt, das Warenlager zum größten Teil zerschnitten und für eine Verwertung unbrauchbar gemacht und das Geschäft geschlossen. Ich wurde festgenommen und ab 10.11.1938 im KZ Dachau festgehalten, aus dem ich ohne besonderen Grund am 31.1.1939 entlassen wurde. Ich ging zu meiner Familie zurück, und wir haben, ohne das Geschäft wieder zu eröffnen, von Ersparnissen gelebt“[9]

Wer heute durch die Eisenbahnstraße geht, wird feststellen, daß nichts an dieses Ereignis hinweist - schade, wo doch Sinn der Geschichte ist, die Chance zu bieten, aus der Vergangenheit zu lernen, im Guten wie im Bösen. Auf Siebenpfeiffer und Wirth ist die Stadt stolz, ihnen begegnet man - mit Recht - auf Schritt und Tritt. Des Pogroms gegen Salmon u.a. kann man sich nur schämen. Berechtigt dies, die Erinnerung daran totzuschweigen? Eine Erinnerungstafel am Ort des Wütens der braunen Schergen wäre m.E. angemessen.

  • Vor der Aktion gegen Aron war bereits ein Trupp an der Synagoge in der Klostergasse aufmarschiert. Hier sind die Aussagen besonders widersprüchlich, außerdem werden einige, die vor der Kriminalpolizei gemacht worden sind, vor Gericht widerrufen, so daß der Verdacht nahe liegt, daß in der Zwischenzeit massiv Druck ausgeübt wurde. Dennoch ist folgende Rekonstruktion - mit allem Vorbehalt - realistisch:

In der Früh gegen 8 Uhr weckte Gepolter die Nachbarin nebenan, deren Haus mit der Synagoge zusammengebaut ist. „Sie schlagen die Synagoge zusammen“, sagte man ihr. Mit der Axt hatten Männer in Zivil die Eingangstür aufgebrochen, im Innern zertrümmerten sie den Altar und die Leuchter daneben, rissen die Vertäfelung ab, zerschlugen die Bänke und sonstige Inneneinrichtung, warfen alles zu einem Haufen zusammen, warteten auf die Erlaubnis, es anzuzünden. Eine Absperrung hielt Unbefugte fern, selbst die Nachbarn, die von ihrer Arbeitsstelle herbeigerufen werden, durften nicht zu nahe herankommen. Währenddessen stand der Leiter der Aktion, der SS-Sturmführer, wartend an der Ecke Klostergasse/Marktplatz, schließlich traf die alarmierte Feuerwehr, die sich vorher im Spritzenhaus getroffen hatte, ein, stellte die Motorspritze vor dem Eingang auf, legte Schläuche aus. Jetzt konnte das zertrümmerte Mobiliar angezündet werden, das Feuer wurde allerdings so klein gehalten, daß es nicht auf das Dach und die angrenzende Bebauung übergriff. Aus Vorsicht wurde in den Speicher, der nur über die Wohnung der besagten Nachbarin erreichbar war, ein Schlauch gelegt, um die Brandmauer naß zu halten. Inzwischen bestiegen „einige ganz Beherzte[10], voran ein Homburger Dachdecker, über die Nachbarwohnung das Dach, um den Juden- oder Davidstern, wie er beim Volk heißt, vom nördlichen First herunterzuholen, was gar nicht so einfach war angesichts des steilen Daches und der Schwere des Objektes aus massivem Messing mit seiner Stange von 1,70 Metern, bekrönt von einem Strahlenbündel in Kugelform mit einem Durchmesser von einem dreiviertel Meter. Nachdem man vergeblich versucht hatte, die Stange durchzusägen, befestigte man sie an einem Strick, bog sie um, knickte sie ab und ließ sie langsam nach unten „zwischen Synagoge und Storchen in den Gang“[11] gleiten, wo „unter ungeheurem Jubel das jüdische Symbol, der Judenstern“[12] von Bereitstehenden in Empfang genommen wurde. Von dort kam er übrigens später in eine in der Karlsbergstraße nahegelegene Werkstatt, wo er jahrelang lagerte[13]. Nach 10 Uhr war das Zerstörungswerk getan. Um diese Zeit erschien der städtische Leiter der Polizei mit zwei Beamten, um die herumliegenden Silbersachen in Gegenwart des herbeigerufenen Amtsgerichtsrates zusammenzutragen und zur Sicherstellung auf die Polizeiwache zu bringen. Dort wurden sie von einem Homburger Optikermeister taxiert, nach einem Jahr von der Gestapo aus Saarbrücken beschlagnahmt. Die Beute betrug nach Schätzung des Polizeikommissars 20 Pfund Silber. Einen Tag später kam der städtische Museumsleiter, um aus den Trümmern weiße Bänder und Gebetsbücher für sein Museum zu bergen. Halbwüchsige warfen unter dem Gejohle Dabeistehender die Glasscheiben ein[14].

Auf Anordnung des Bürgermeisters und Gauleiters wird in der Synagoge im folgenden Jahr eine Obstverwertungsstelle eingerichtet, 1942 beschloß der Stadtrat, sie zu sanieren, sie sollte als Museum dienen. Nach dem Krieg spielten Kinder der Nachbarschaft in den Gemäuern, besonderer Beliebtheit erfreute sich der Speicher, dessen Dach bis in die 50er Jahren einigermaßen intakt war. Dann verfielt das Gebäude immer mehr, es wurde zur Ruine, in den 80er Jahren beabsichtigte ein Investor, an ihrer Stelle ein Mehrfamilienhaus zu erstellen, was auf derartigen öffentlichen Protest stieß, daß die Stadt die Synagogenruine zurückkaufte. Der Plan, an ihrer Stelle ein Siebenpfeiffermuseum, in das ein jüdisches Museum integriert werden sollte, entstehen zu lassen, wurde wegen fehlender -Gottseidank - Finanzen nicht realisiert. Damit hatte die jahrzehntelange Politik des „Aus den Augen, aus dem Sinn“ ein Ende. Um den Verfall zu stoppen, unternahm die Stadt in den Jahren 2001/2002 umfangreiche Sanierungsmaßnahmen - eine m.E. sachgerechte Entscheidung: Mit dem Erhalt und der Pflege der Synagogenruine stellt sich die Stadt nunmehr ihrer Geschichte, so wenig ruhmreich sie in diesem Fall sein mag. Zukünftigen Generationen - insbesondere an Schulklassen ist zu denken - wird mit dem Mahnmal Synagogenruine die Gelegenheit geboten, anschaulich daran zu erinnern, wohin Vandalismus, verursacht durch Rassismus und Fanatismus, führt.

Die wenigen Juden, die nach dem Pogrom vom 10.11. noch in Homburg lebten, wurden am 22.10.1940 von städtischen Beamten verhaftet, um in ein Lager nahe Gurs im Département Basse-Pyrénées deportiert zu werden.[15] Von den Mitgliedern der Familien, die Opfer des Pogroms am 10. November wurden, sind Alexander Hirsch und Rosa Salmon in Gurs verstorben, Paula Salmon, Hedwig Hirsch geb. Seligmann, Elsa Babette Hirsch, Erich Emanuel Hirsch und Mathilde Hirsch wurden in das nördlich von Paris gelegene Sammellager Drancy deportiert, von dort kamen sie nach Auschwitz, wo sie Opfer des Holocausts wurden. Karl Salmon gelang es, mit seiner Familie nach New York auszuwandern. Auch Paul Hirsch glückte die Auswanderung, und zwar nach London. Adolf Hirsch, geb. am 12.2.1910, war schon 1936 nach Frankreich emigriert, er kehrte am 30.8.1945 zurück, starb am 12.10. 1973. Seine Frau Jenny, die er 1947 geheiratet hatte, lebt 101jährig in einem Homburger Altersheim. Während der Nazizeit war sie seit 1935 immer auf der Flucht oder untergetaucht. Ihre Odyssee habe ich vor Jahren auf Tonband festgehalten.

So weit das Schicksal der Opfer. Die Täter blieben lange unbehelligt. Erst mit der Anzeige der jüdischen Kultusgemeinde Saarbrücken am 27.5.1947 wurde die Justiz tätig. Am 10.10.1949 kam es zur Anklage der Staatsanwaltschaft gegen 17 Personen wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit (Verfolgung aus rassistischen, politischen oder religiösen Gründen). Von diesen 17 sprach das Landgericht Saarbrücken am 24 1.1950 sechs frei, die übrigen elf erhielten eine Gefängnisstrafe zwischen drei und sieben Monaten. Nach Berufungen der Angeklagten und der Staatsanwaltschaft gegen dieses Urteil hat das Oberlandesgericht Saarbrücken am 19.6.1950 einen weiteren Angeklagten freigesprochen, bei sechs hat es das Strafmaß vermindert, bei zweien erhöht, bei zweien belassen., bei neun wurde Strafausstand mit einer Bewährungsfrist von drei Jahren bewilligt. Die Angeklagten kamen m.E. äußerst glimpflich davon. Die Strafverfolger hatten es allerdings schwer. Nach über zehn Jahren wollten und konnten sich die Angeklagten oft nicht mehr erinnern, sie hatten - menschlich verständlich - ein Interesse, sich gegenseitig zu schützen, indem sie auf die Frage, wer noch dabei war, fast sterotyp antworteten, daß man niemanden erkannt habe. Die Zeugen sagten, wie erwähnt, vor der Polizei und dem Untersuchungsrichter vielfach Verwertbares aus, wenn sie aber vor Gericht nicht mehr dazu standen, blieb dem Gericht nur die Formel „Freispruch mangels ausreichenden Nachweises“ oder „der Angeklagte konnte im Sinne der Anklage nicht überführt werden“ übrig.

Der SS-Mann z.B., der vor dem Anwesen in der Deutschen Straße darauf achtete, daß niemand ein und ausging, konnte unwidersprochen seine Mär verbreiten, die Kameraden seien ohne Zerstörungswerkzeuge gewesen. Zeugen gab es keine, und der Brief Paul Hirschs (s.o.) war noch nicht geschrieben.

Verwundern muß der Freispruch des SS-Oberscharführers, obwohl er neben dem Sturmführer die Hauptrolle spielte: Er war bei den Besprechungen im kleinen Kreis dabei, er war der Anführer des Trupps gegen das Textilgeschäft, an den Zerstörungen im Geschäft nahm er aktiv teil[16], vor der Synagoge wurde er auch gesehen.

Nicht nachvollziehbar ist die Einschätzung des Oberlandesgerichts, „aus der Beweisaufnahme seien keine Anhaltspunkte dafür zu entnehmen, daß irgendein Mitglied der oben genannten jüdischen Familien mißhandelt, beschimpft oder sonstwie persönlich belästigt worden ist“. Wenn Zeugen mehrfach beobachtet haben, daß Karl Salomon robust in den Bus gestoßen wurde, seine Frau vom Fenster zurückgezerrt wurde und einen zerzausten Eindruck machte (s.o.), dann ist zu fragen, was alles hätte noch passieren müssen, daß das Gericht zu einer realistischen Einschätzung kommt.

Der Dachdecker, der den Davidstern herunterholte, wurde u.a. mit folgender Begründung (Urteil am 27.2.1952) freigesprochen: Da der „Davidstern nicht zur bestimmungsgemäßen Ausstattung der Synagoge gehört, sondern nur ein äußeres Zeichen darstellt, besteht... die Möglichkeit, daß der Angeklagte beim Abmontieren überhaupt nicht das von anderen Tätern angerichtete Zerstörungswerk gegen jüdisches Eigentum und die sonstige Verfolgung gegen die jüdische Bevölkerung unterstützen und befördern und durch seine Tat sich nicht innerlich mit den vorgenommenen Verfolgungen gegen die Juden verbunden fühlen wollte“. Als die Zuschauer damals jubelten, wie der Berichterstatter der Homburger Zeitung schrieb (s. Anm. 12), war ihnen bewußt, daß der Dachdecker als SS-Mann eben ein jüdisches Symbol beseitigt hatte. Das war m.E. Terror gegen die jüdische Bevölkerung.

Als Fazit bleibt: Randale, Vandalismen und damit Pogrome gab es und gibt es in der Geschichte immer, das ist nichts speziell Deutsches. Was aber den 10. November 1938 zur Besonderheit macht, ist die Tatsache, daß er staatlich sanktioniert war.

Autor: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. . Erstveröffentlichung in: Saarpfalz-Blätter für Geschichte und Volkskunde 2005, Heft 2.

 

Literatur

Blinn, Dieter: Juden in Homburg, Homburg 1993.

Konz, Jakob: Reichskristallnacht in Homburg, Saarpfalzblätter für Geschichte und Volkskunde Sonderheft 1989.

Tigmann, Eva: Was geschah am 9. Novemeber 1938? St. Wendel 1998. Hans Leyser: Elmsfeuer, Homburg o.J.

 

Anmerkungen

[1] Gerichtsakten im Saarländischen Landesarchiv Nr.1151

[2] Jakob Konz: Reichskristallnacht in Homburg, Saarpfalzblätter für Geschichte und Volkskunde Sonderheft 1989. Dieter Blinn: Juden in Homburg, Homburg 1993. Eva Tigmann: Was geschah am 9. Novemeber 1938? St. Wendel 1998. Hans Leyser: Elmsfeuer, Homburg o.J., Seite 245/6.

[3] Homburger Zeitung vom 9.11. 1938

[4] s. Anm. 3

[5] Eva Tigmann: Was geschah am 9. Mai 1938? S. 15-18

[6] Nach Hans Leyser (auf Tonband und s.o. Anm. 2) ist „im frühen Nebel“ auch ein Trupp „auf den Judenfriedhof gerannt, wo sie (!) paar Grabmäler umwarfen“. Da ich diese Angabe sonst nirgendwo bestätigt fand, habe ich sie nicht übernommen

[7] Blinn: Juden in Homburg S. 214 Anm. 95

[8] Er bestreitet auch, sich an den Verwüstungen im Geschäft beteiligt zu haben. Hans Leyser (s.o. Anm. 2) war als 15jähriger mit seiner Mutter Augenzeuge. Er schreibt: “Und wie stand er da! In voller Lebenssgröße, Eins Neunzig, für jedermann sichtbar mitten im jüdischen Geschäftsschaufenster. Sein Schlägertrupp hatte zuvor die Scheiben eingeschmissen, und er, gestiefelt, bewaffnet, riß stolz die ausgestellte Konfektion entzwei.“

[9] Blinn: Juden in Homburg S. 184

[10] Homburger Zeitung v. 11.11.1938 Überschrift: Die Homburger Synagoge angesengt

[11] Schriftliche Information Karl Fremgens

[12] Homburger Zeitung v. 11.11.38

[13] Schriftl. Inf. K. Fremgens

[14] Schriftl. Inf. K. Fremgens

[15] über ihr weiteres Schicksal s. Blinn: Juden in Homburg S. 158 ff.

[16] s.o. Anm 6 und 8