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Johann Jacoby (1805-1877)
Geschrieben von: Heiner Jestrabek
Jacoby, Johann (* 1. 5. 1805 Königsberg, ? 6. 3. 1877 Königsberg) deutscher Politiker und Arzt, stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie und wurde zu einem Vorkämpfer der Judenemanzipation in Preußen. 1841 forderte er eine Verfassung für Preußen ("Vier Fragen beantwortet von einem Ostpreußen" 1841) und wurde deswegen zunächst wegen Hochverrats verurteilt, danach aber freigesprochen. 1848 in der preußischen Nationalversammlung (Zitat gegenüber dem König: "Das eben ist das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen!"), Mitglied des Vorparlaments in der Frankfurter Paulskirche und 1849 Mitglied des Stuttgarter Rumpfparlaments. 1863-1866 im preußischen Abgeordnetenhaus und 1867-1870 im Norddeutschen Reichstag Vertreter der äußersten bürgerlichen Linken in der Fortschrittspartei; wiederholt angeklagt und verhaftet, 1864 wegen Steuerverweigerung zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. 1870 entschiedener Kriegsgegner und Gegner der Annexion von Elsass-Lothringen. Er trat 1872 der Sozialdemokratischen Partei bei.
Jacoby trat er für das Reformjudentum ein und war weltanschaulich der deistischen Aufklärung verpflichtet. Er bekante sich hauptsächlich zum materialistischen Pantheismus Spinozas und zum Toleranzbegriff Lessings. In seinem Aufsatz "Über Nervenphysik" von 1846 bekannte er sich zum naturwissenschaftlichen Materialismus. Für die Bewegung der Freireligiösen entwickelte er große Sympathie und war mit deren Protagonisten politisch eng befreundet (Robert Blum, Julius Rupp u.a.). Gegenüber deren politischer Wirksamkeit blieb er jedoch skeptisch. Sein eigenes pantheistisches Reformjudentum war da weltanschaulich schon weiter. Philosophisch stellte er sich in seinen Publikationen in die Tradition von Kant, Spinoza und Feuerbach. V.a. Spinozas "Ethik" beeinflusste ihn stark. Hierauf bezog er sich in seiner Schrift "Der freie Mensch. Rück- und Vorschau eines Staatsgefangenen", entstanden während seiner Gefängnishaft 1865/66. Schon in seinem Aufsatz von 1853 "Zum Kulturkampf" begründete Jacoby mit Gedanken Spinozas und Feuerbachs seine grundsätzliche Kritik der Religionen und seine Ansichten über das Verhältnis von Kirche und Staat. Religion sei demnach Scheinwissen, auf niedriger Kulturstufe stehend. Sie würde in dem Maße überwunden und überflüssig werden, wie Wissenschaft und Bildung voranschritten, wie der Mensch jeder Fremdbestimmung entwachsen und Herr seiner selbst würde. Staat und Kirche wären "Zwangsmittel" in den Händen der Herrschenden, die damit den Fortschritt behinderten und das moderne Geistesleben und menschliche Niveau zurückdrängen wollten. Er prognostizierte das Absterben der religiösen Bedürfnisse und bezweifelte die Notwendigkeit von Kirchen und Staat. Auch wenn er sich im Alter der Sozialdemokratie zuwandte, wurde er trotz aller Radikalität nie Marxist. Seine sozialen Forderungen begründete er aus seiner Ethik.
Anlässlich seines 70. Geburtstags, am 1. Mai 1875, begrüßte er zahlreiche Gesinnungsfreunde aus Königsberg, Berlin, Frankfurt/M. u.a. und ging in seiner Ansprache auf den gerade aktuellen Kulturkampf in Preußen ein. Er stellte dem reaktionären Ultramontanismus, der katholisch-klerikalen Bewegung, die positiven Ziele des Sozialismus entgegen, die keine Schranken der Freihheit des Denkens kenne und vorbehaltlos dem gesellschaftlichen Fortschritt diene. Nur diese könne sich als der eigentliche Kämpfer für eine dem Menschen gemäße Kultur bezeichnen. Am 6. März 1877 starb Jacoby. Am 11. März fand die Beerdigung mit imposanten 5.000 Teilnehmern statt. Nachdem der Rabbiner seinen Ritus vollzogen hatte und hierbei auch den jüdischen Dissidenten Spinoza, Jacobys Lehrer, gewürdigt hatte, sprachen am Grab u.a. Johann Most für die Sozialdemokratie. In Berlin, Frankfurt/M. und Stuttgart fanden ebenfalls Gedenkveranstaltungen für Jacoby statt. In Stuttgart sprach der Gründer der ersten Freidenkergemeinde in Deutschland, der geistige Ziehsohn und Freund Jacobys, Albert Dulk.
Autor: Heiner Jestrabek
Literatur
Rolf Weber: Johann Jacoby. Eine Biographie. Köln 1988 Bernt Engelmann: Die Freiheit. Das Recht. Johann Jacoby und die Anfänge unserer Demokratie. München 1987.
Edmund Silberner: Johann Jacoby. Politiker und Mensch. Bonn-Bad Godesberg 1976.
